Volksfrömmigkeit und Glaube in China und Europa – ein Vergleich
Ausgabe: 2002/47
19.11.2002
- Irene Leitner
Die Ausstellung "Hilf Himmel! Götter und Heilige in China und Europa" ermöglicht Einblick in die Parallelen und die Unterschiede christlicher und chinesischer Glaubenswelten.
Eindrucksvolle Exponate dieser Ausstellung im österreichischen Volkskundemuseum in Wien geben Aufschluss über Form und Stellenwert der Götter- und Heiligenverehrung in Europa und China und machen eines klar: Das Bedürfnis der Menschen nach einer überirdischen Macht, die Schutz und Hilfe sowohl im diesseitigen als auch im jenseitigen Leben bietet, ist in beiden Kulturen präsent. Darauf begründen sich u. a. bei aller Verschiedenheit des Christentums und des Buddhismus bzw. des Daoismus, der chinesischen Form des Buddhismus, die Gemeinsamkeiten dieser beiden Glaubensrichtungen.
Im Unterschied zum monotheistischen Christentum ist der Buddhismus bzw. Daoismus eine polytheistische Religion, an deren Spitze der jeweilig herrschende, irdische chinesische Kaiser stand. Ihm unterstehen in einer Hierarchie, die dem chinesischen Beamtenapparat nachempfunden ist, die übrigen daoistischen Götter und Heiligen.
Die daoistischen Götter und Heiligen sind im Unterschied zu den katholischen Heiligen weder verklärt noch tugendhaft – ganz im Gegenteil: Sie teilen mit den Gläubigen geradezu menschliche Eigenschaften, wie die Tendenz zur „Freunderlwirtschaft“, zur Bürokratie oder Korruption. Ihnen fallen wie im Christentum bestimmte Zuständigkeitsbereiche zu und sie übernehmen die Schutzherrschaft für bestimmte Berufsstände, Menschengruppen, Regionen oder Städte.
Die Bilder der chinesischen Schutzgötter werden zum Beispiel auf der Haustüre aufgeklebt, um so das Haus vor Dämonen zu schützen. Zu den Geburtstagen der lokalen Gottheiten finden Tempelfeste statt, die oft mit Prozessionen verbunden sind, die denen des Christentums gleichen.
Bitte um das eigene Seelenheil
Durch das Anrufen der Heiligen und Götter bittet man sowohl im Christentum als auch im Daoismus um das eigene Seelenheil bzw. um das Seelenheil der bereits Verstorbenen. Eine ähnliche Funktion wie die Muttergottes Maria nimmt dabei im Buddhismus Guanyin – die Göttin der Barmherzigkeit – ein. Guanyin gleicht Maria nicht nur in den Darstellungen, sondern sie ist – auch ähnlich wie Maria – für sämtliche Leiden und Anliegen der Menschen zuständig. Ihr besonderer Beistand wird für die Sterbenden erbeten.
Während im Christentum das irdische Leben zielgerichtet ist auf das ewige Leben nach dem Tod, glauben die Daoisten an die Wiedergeburt. Ihr Glaube und ihre Hoffnung stützen sich auf einen guten Ausgang der Begegnung mit dem „Richter der Unterwelt“, um so auf die Erde – und hier, wenn möglich, zu einer hochrangigen oder reichen Familie – zurückzukehren.
Es existiert – auch vergleichbar mit dem christlichen Bild des Fegefeuers und der Hölle – die Vorstellung einer daoistischen bzw. buddhistischen Hölle. Nicht der Teufel verkörpert hier – wie in der christlich geprägten Volksfrömmigkeit – in Opposition zum Himmel das negative Prinzip, sondern Götter und Beamte kooperieren hier mit den himmlischen Gottheiten. Wenige Ausgewählte gelangen in das Paradies, das von Engeln bevölkert und nur einer beschränkten Anzahl von Bewohnern zugänglich ist.So verschieden und doch so gleich: das Christentum und der Buddhismus.
Noch zu sehen bis 2. März 2003 im Volkskundlichen Museum in Wien.