Ab Herbst sollen Österreichs Kinder und Jugendliche kürzer die Schulbank drücken. Für das Bildungsministerium ist das ein notwendiger Reformschritt. Kritiker sprechen von einem überfallsartigen Sparpaket.
Im Regierungsprogramm war noch vage von einer „Durchforstung der Lehrpläne“ die Rede. Nun soll eine „Zukunftskommission“ überhaupt die „Schule neu denken“ und ein langfristiges Reformkonzept erarbeiten. Zuvor aber wird ab Herbst die Schulstundenzahl gesenkt (s. Kasten). Da werde „das Pferd von hinten aufgezäumt“, kritisierte der Präsident des Katholischen Familienverbandes, Johannes Fenz. Wenn man zuerst die Stunden kürze und erst dann darüber nachdenke, wie man die Lehrpläne von unnötigem Ballast entlastet und weiter die Qualität der Ausbildung sichert, dann könne man kaum von einer gezielten Reform sprechen. Die von Ministerin Elisabeth Gehrer geplante Stundenkürzung sei eine „reine Sparmaßnahme“, meint Fenz.
Mehr als Erwachsene
„Es gibt gute Gründe, über eine Kürzung von Schulstunden nachzudenken. Vor allem im Bereich berufsbildender höherer Schulen ist die Arbeitsbelastung von Jugendlichen zum Teil deutlich höher als die von berufstätigen Erwachsenen“, betont der Bildungsforscher und Religionspädagoge Anton Bucher. Eine zu hohe Schulbelastung gehe auf Kosten der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, meint die Schulärztin und Elternvertreterin Maria Metzler. Sie macht die Erfahrung, dass für die Schule oft wertvolle Entfaltungsmöglichkeiten, wie das Erlernen eines Musikinstrumentes, soziale Kontakte in einer Jugendgruppe oder Gemeinschaftssport aufgegeben würden. Georg König hat bei seiner Arbeit in einem Jugendzentrum stressgeplagte Schüler ebenso kennengelernt wie solche, die genügend freie Zeit haben. Das hänge von den Schultypen ab; aber auch die Fünf-Tage-Woche mit viel Nachmittagsunterricht könne die Belastung verstärken, meint König.
Die Schüler entlasten
Bei der ab Herbst geplanten Stundenkürzung in allen Schultypen beruft sich das Bildungsministerium auf mehrere österreichische Untersuchungen. Sie zeigen übereinstimmend, dass die wöchentliche Arbeitszeit von zehn bis 18-jährigen Schüler/-innen um die 40 Stunden beträgt; in Extremfällen wurden Wochenarbeitszeiten von 75 Stunden festgestellt. Das Hauptargument von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer sind aber internationale Vergleichsstudien. In Österreich sitzen demnach die 12- bis 14-Jährigen mit 1148 Stunden pro Jahr nach Mexiko am längsten in der Schule. In den Industriestaaten (OECD) beträgt die durchschnittliche Schulzeit Gleichaltriger nur 936 Stunden. Dass für den Unterrichtserfolg nicht unbedingt die Zahl der Schulstunden ausschlaggebend sei, zeige, so Gehrer-Sprecher Ronald Zecha, das Beispiel Finnland. Das Land hat bei der Studie über den Unterrichtserfolg (PISA) am besten abgeschnitten, obwohl dort die Kids pro Jahr nur 808 Stunden die Schulbank drücken. Die vom Ministerium genannten Zahlen sind allerdings heftig umstritten. Georg König hat penibel nachgerechnet und kommt dabei „nur“ auf 958 (nicht 1148) Jahresstunden. Zieht man davon noch die Religionsstunden, die in vielen Vergleichsländern keine Pflichtfächer seien, ab, liege Österreich mit 897 Stunden bereits jetzt unter dem OECD-Schnitt. Die geplanten Kürzungen durch alle Schultypen seien von den Zahlen her nicht gerechtfertigt, meint der von den Streichungen selber nicht betroffene Religionslehrer König.
Umstrittene Zahlen
Von „überhöhten, unseriösen Zahlen“ in der OECD-Studie spricht der AHS-Lehrervertreter Azevedo Weißmann. Er stellt auch den Vergleich mit Finnland in Frage. Was nicht in den OECD-Zahlen aufscheine, aber für das Niveau entscheidend sei, ist, dass in Finnland mehr als 90 Prozent der Schüler/-innen zusätzlichen Förderunterricht bekommen; bei uns seien das knapp 30 Prozent. Für einen Ausbau des Förderunterrichtes anstatt der ersatzlosen Stundenkürzung tritt auch Maria Metzler ein. Sie will eine gezielte Förderung sowohl für besonders begabte Schüler/-innen als auch für Schwächere. „Durch die geplanten Stundenkürzungen wird nicht nur der Spielraum für schulische Fördermaßnahmen und interessante Wahl- bzw. Freifächer eingeengt, meint Azevedo Weißmann. „Da es in einer Reihe von Fächern, darunter Fremdsprachen, Deutsch und Mathematik zu Stundenkürzungen kommt, ohne dass vorher die Lehrpläne entschlackt worden sind, wird in der Schule weniger wiederholt werden können. Schwächere Schüler/-innen werden daher noch häufiger Nachhilfe brauchen. Da wird auf Kosten der Eltern gespart“, meint Weißmann. Die AHS-Lehrervertreter riefen vergangene Woche zu Protestaktionen auf. In Dienststellenversammlungen wurde auch über die Auswirkungen der Stundenkürzungen auf die Lehrerbeschäftigung diskutiert. Das Ministerium will nach eigenen Angaben durch die Maßnahmen pro Jahr 117 Millionen Euro (1,5 Mrd. Schilling) sparen. Das gehe vor allem auf Kosten von jungen Kollegen/-innen, meint Weißmann.
Falsche Vorgangsweise
„Die schlagartige Einführung von Stundenkürzungen in fast allen Schulstufen hat nicht viel mit Bildungspolitik zu tun. Das ist eine reine Sparmaßnahme, die die Planungen im gesamten Schulbereich durcheinander bringt“, meint Direktor Karl Hödl vom Privatgymnasium Aloisianum. „In der Unterstufe haben wir neue Lehrpläne, die noch nicht einmal voll umgesetzt sind. In der Oberstufe sollten demnächst neue Lehrpläne kommen, ebenso in vielen berufsbildenden Schulen. Sie alle wurden auf der Basis der bisherigen Stundenzahlen erstellt. Wie die Lehrpläne in den zu kürzenden Fächern umgesetzt werden sollen, kann niemand erklären“, meint Hödl. Der Hinweis des Ministeriums, dass die neuen Lehrpläne schon zwischen Kernstoff und Erweiterungsstoff unterscheiden, sei wenig hilfreich, da die Kernbereiche nach wie vor ziemlich umfangreich seien. „Außerdem stellt die Stundenkürzung die Maturanten der nächsten Jahre vor große Probleme und macht die geforderte schulische Schwerpunktbildung fast unmöglich“, kritisiert Hödl. Dass zuerst die Schulstunden gekürzt werden und erst dann eine entsprechende Überarbeitung der Lernziele und Lehrpläne erfolgen soll, hält auch der Pädagoge Anton Bucher für den falschen Weg.
Die Pläne des Ministeriums
Überblick
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hat einen Ent- wurf einer Verordnung über die Kürzung von Unterrichtsstunden in allen Schultypen zur Begutachtung ausgeschickt. Die Schulen können die Kürzungen autonom auf der Basis einer Mindeststundentafel durchführen oder eine vom Ministerium erstellte Stundentafel verwenden.
In der Volksschule wird die Gesamtzahl der Stunden in vier Jahren von 92 auf 90 gekürzt. Dabei soll je eine Englischstunde in der 3. und 4. Klasse wegfallen. In den Hauptschulen werden die Pflichtstunden von 127 auf 120 gesenkt. Zur Kürzung empfohlen sind je eine Stunde Geografie, Physik, Biologie, Musik, Bildnerische Erziehung und Haushaltslehre sowie je eine halbe Stunde Technisches Werken und Geometrisch Zeichnen. In der AHS-Unterstufe (Gymnasien) sind statt 126 nur mehr 120 Stunden vorgesehen. Gekürzt werden soll bei Deutsch, Geografie, Physik, Biologie und Latein bzw. Mathematik. In der AHS-Oberstufe werden die Pflichtstunden von 138 auf 130 gesenkt. Vorgeschlagen wird, zwei Stunden bei den z. T. maturarelevanten Wahlpflichtfächern und je eine Stunde bei Latein, Griechisch bzw. der zweiten lebenden Fremdsprache, Geschichte, Physik, BE/Musik und Geografie zu kürzen. Bei den berufsbildenden Schulen sind je zwei Stunden pro Jahr von den Schulen zu kürzen. Als weiteren Reformschritt kündigte Gehrer die Einrichtung einer Zukunftskommission an. Sie soll Leistungsstandards und Lernziele festlegen, die Lehrpläne nach Überflüssigem durchforsten und Vorschläge für eine zeitgemäße Lernkultur, die Lehrer-Aus- und -Weiterbildung sowie für eine Qualitätssicherung ausarbeiten.