Ausstellung „Wert des Lebens“ auf Schloss Hartheim
Von der menschlichen Würde zur ökonomischen Nützlichkeit
Ausgabe: 2003/19, Hartheim,
07.05.2003
- Brigitte Kepplinger
Die Ausstellung „Wert des Lebens“ auf Schloss Hartheim versucht das Generalthema, nämlich Wert und Würde des menschlichen Lebens, von mehreren Seiten her zu beleuchten. Einer der Zugänge ist die so genannte „Biologisierung des Sozialen“.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde ein Element im Diskurs um die soziale Frage wirksam, der in der Folge bestimmend werden sollte: die Einführung der Eugenik als Sozialtechnologie und damit verbunden die Biologisierung der sozialen Frage.
Die Eugenik (Erbgesundheitslehre; im Deutschen wurde synonym der Begriff „Rassenhygiene“ verwendet) wurde von Francis Galton, einem Cousin von Charles Darwin, begründet, der in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann, die Vererbung intellektueller Eigenschaften zu studieren. Sein Ziel war es, durch die praktische Anwendung des Darwin’schen Selektionsprinzips eine biologische Verbesserung der Menschen zu erreichen – in Richtung mehr Klugheit, Schönheit, Gesundheit. Er schlug die Schaffung eines Systems von Anreizen vor, um eine überproportionale Vermehrung „biologisch hervorragender“ Individuen zu erreichen. Diese Menschenzüchtungsutopien sind vor dem Hintergrund der vermeintlichen Bedrohung der „weißen Rasse“ durch Degeneration und Entartung zu sehen, die ebenfalls einen durchgängigen Strang im gesellschaftspolitischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts bildet.
In Deutschland wurde die Eugenik als Sozialtechnologie ungemein populär und war in allen politischen Lagern vertreten. Die völkische Rechte, Liberale, aber auch sozialdemokratische Theoretiker und Vertreter der christlichen Kirchen sympathisierten mit dem eugenischen Konzept zur Lösung der „sozialen Frage“. Die Verbindung von Eugenik und moderner Medizin ließ eine Lösung dieser Problematik möglich erscheinen. Eugenische Prävention durch Verhinderung der Fortpflanzung ergänzte die therapeutischen Konzepte der Medizin, insbesondere der Psychiatrie, und wurde schließlich zu einem dominierenden gesellschaftspolitischen Ansatz. Deutsche Ärzte entwickelten Programme zur Sterilisation „Minderwertiger“ – dieser Terminus war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Bezeichnung der oben definierten Randgruppen gebräuchlich – und diskutierten schon vor dem Ersten Weltkrieg offen über zwangsweise Sterilisation und Euthanasie.
Das Szenario der existenziellen Bedrohung der europäischen Gesellschaften durch eine „Degeneration im Inneren“, verursacht durch die überproportionale Vermehrung „Minderwertiger“, bildete ein zentrales Element der gesellschaftspolitischen Diskussion ab der Jahrhundertwende. Die Menschenverluste des Ersten Weltkriegs verschärften diesen Diskurs noch: Während die besten jungen Männer, so der allgemeine Tenor der Eugeniker, in diesem Krieg ihr Leben lassen mussten und damit für die Weitergabe ihrer wertvollen Erbsubstanz verloren waren, vermehrten sich die „Minderwertigen“ ungebremst. Der Ausbau des Sozialstaats in den zwanziger Jahren, die Errichtung eines relativ umfassenden Systems staatlicher Sozialfürsorge, ließ eine Realisierung eugenischer sozialpolitischer Maßnahmen vorläufig in den Hintergrund rücken.
Die tiefe wirtschaftliche Krise der späten zwanziger Jahre entzog dem gerade konstituierten Sozialstaat die finanzielle Basis. Staatliche Unterstützung konnte einer immer geringeren Anzahl von Empfängern gewährt werden. In dieser Situation wurde der Ruf nach einer Lösung des Problems der Nichterziehbaren („Asozialität“) und Nichttherapierbaren („Erbkranke“) immer lauter. Das Kriterium der (ökonomischen) Nützlichkeit menschlichen Lebens gewann unter dem durch die Krise verschärften Kostendruck eine neue Dimension: Nun wurde zunehmend lauter darüber nachgedacht, ob und wieweit staatliche Fürsorgemittel überhaupt für die Unterstützung von „Minderwertigen“ eingesetzt werden sollten. Eugenische Maßnahmen empfahlen sich in diesem Kontext als logische, weil kostengünstigere Alternative.