„Mensch von Anfang an“ ist das Motto für den „Tag des Lebens“ am 1. Juni. Zum 25. Mal will die Aktion Leben damit einen Anstoß geben, dass Schwangere „guter Hoffnung“ sein können.
Frau Generalsekretärin, zum 25. „Tag des Lebens“ wurde das Motto „Mensch von Anfang an“ gewählt. Welches Anliegen verbindet die Aktion Leben damit?
Gertraude Steindl: Dieses Motto drückt unsere Grundüberzeugung aus, das ist die Triebfeder für unser Engagement und unsere Arbeit. Das Leben des Menschen – und damit auch seine Einmaligkeit und Würde – lässt sich nicht beliebig festsetzen, so wie man es gerade braucht. Weder am Beginn noch am Ende. Gerade die heftigen Debatten um die verbrauchende Embryonenforschung oder die Machbarkeit von „Katalogkindern“ nach Elternwunsch zeigen, wie notwendig eine klare ethische Position ist. Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt der Mensch, er wird nicht erst im Laufe der Entwicklung zum Menschen, wenngleich sein Reifungsprozess ein Leben lang dauert. Wir wollen mit unserem Motto aber auch auf die große Bedeutung des vorgeburtlichen Lebensabschnittes für die künftige Entwicklung des Menschen hinweisen und für eine neue, natürliche „Kultur des Kinderkriegens“ werben.
Was verstehen Sie darunter?
Steindl: Aus der vorgeburtlichen Psychologie wissen wir, wie wichtig es für das heranwachsende Kind ist, wenn es schon im Mutterleib Aufmerksamkeit, Zuwendung und Geborgenheit findet. Deshalb ist es wichtig, Schwangere zu ermuntern und ihnen dabei zu helfen, auf sich selbst zu achten, gesund zu leben und möglichst wenig Stress zu haben. Wir wollen Frauen ermutigen, Schwangerschaft als etwas Schönes, als eine „gute Hoffnung“ zu erleben, und wir wollen ihr Selbstvertrauen in eine natürliche Schwangerschaft und ihr Gebären-Können stärken. Das ist auch ein Appell an die Mediziner, mehr in die Aufklärung und ganzheitliche Begleitung werdender Mütter zu investieren. Heute haben wir leider einen gegenteiligen Trend. Die technischen Untersuchungen werden immer aufwändiger und häufiger – auch weil die Ärzte kein Risiko eingehen wollen, etwas zu übersehen. Die Schwangerschaft wird immer mehr zu einer medizinisch-technischen Angelegenheit, während das psychische Wohlergehen von Mutter und Kind zunehmend auf der Strecke bleiben.
Heute werden Frauen relativ rasch, besonders wenn sie eine späte Schwangerschaft haben, zur vorgeburtlichen (pränatalen) Diagostik geschickt. Wie beurteilen Sie das?
Steindl: Tatsache ist, dass die vorgeburtliche Diagnostik mit immer feineren Methoden nach immer selteneren Krankheiten (Behinderungen) sucht. Tatsache ist aber auch, dass es nur bei wenigen Krankheiten auch Heilungsmöglichkeiten gibt. Man verspricht Gesundheit und Sicherheit, die es nicht gibt, und erzeugt in Wahrheit große Ängste, Unsicherheiten und Entscheidungszwänge. Um Frauen in dieser Situation zu helfen, streben wir eine enge Zusammenarbeit zwischen fachkompetenter, unabhängiger Beratung und pränatalen Diagnosezentren an.
Dafür wurden im vergangenen Jahr auf Initiative der Aktion Leben erstmals Beraterinnen ausgebildet. Welche Erfahrungen gibt es damit bereits?
Steindl: Mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums wurden im letzten Jahr 18 Beraterinnen ausgebildet. Sie arbeiten bei der Aktion Leben und in verschiedenen anderen Einrichtungen. Mit einem Informations-Folder wird bei Ärzten und in Beratungsstellen auf dieses Angebot aufmerksam gemacht. Wir wollen damit erreichen, dass Frauen zur Beratung kommen, bevor sie in die Pränataldiagnostik einsteigen. Wir können sie dann eingehend über die Möglichkeiten, Grenzen und Risiken der Diagnose informieren und ihnen auch Begleitung bei ihrer schweren Entscheidung anbieten. Denn letztlich geht es darum, ob die Frau und ihr Partner wissen wollen, ob sie möglicherweise ein behindertes Kind bekommen und welche Konsequenzen sie bereit sind zu ziehen. Von der Aktion Leben aus gehen wir aber auch in Kliniken mit vorgeburtlichen Diagnosezentren. Auch wenn es da und dort Vorurteile oder Ängste gibt, so haben wir bis jetzt immer ein gutes Verhältnis herstellen können. Auch die Ärzte und Schwestern dort stehen unter einem großen Druck, wenn sie täglich stundenlang diese Untersuchungen machen und dabei viel sehen – auch an Verzweiflung und erdrückter Hoffnung. Sie sind froh, dass es unser Angebot gibt und schicken auch immer wieder Klientinnen mit Befunden, die zu großer Sorge Anlass geben. Wir erleben dabei, wie sehr diese Begleitung von den Frauen gebraucht und geschätzt wird, ganz gleich, wie sie sich dann entscheiden. Unterstützung brauchen auch jene Frauen, die auf einen Befund warten. Das ist für sie oft eine sehr harte Zeit. Wir sehen jetzt schon, dass wir im Umfeld der Pränataldiagnostik ein flächendeckendes Beratungsangebot brauchen und hoffen sehr, dass wir mit Unterstützung des Ministeriums bald einen weiteren Kurs starten können.
Weil Sie schon von Wünschen sprechen. Was steht weiter auf Ihrer Dringlichkeitsliste?
Steindl: Das Wichtigste ist uns, dass es genügend kompetente Beratungsstellen für alle Fragen der Schwangerschaft gibt und dass die auch die Möglichkeit haben, materielle Hilfe zu leisten. Und wir fordern, dass diese Stellen auch mit öffentlichen Mitteln mehr bekannt gemacht werden.