Ausgabe: 2003/22, global, brutal, Marktwirtschaft, Kapitalismus, Politik, Netzwerk
28.05.2003
- Ernst Gansinger
Nachhaltigkeit heiß auch: die Rastplätze der Welt nicht zerstören, sondern erhalten.
Foto: Franz M. Glaser
Der rücksichtslose Wettbewerb steuert auf die Marktführerschaft zu. Aber „wachsen oder weichen“ und „fressen und gefressen werden“ sind keine Merkmale einer humanen Gesellschaft.
„Dauerhaften Frieden wird es nur geben, wenn Chancen, Ressourcen, Einkommen und Entfaltungsmöglichkeiten global einigermaßen fair verteilt sind und außerdem die jeweiligen kulturellen sowie religiösen Traditionen und Lebensweisen respektiert werden.“ So leitet Uwe Möller, der Generalsekretär des Club of Rome, das faszinierend visionäre Buch „Balance oder Zerstörung“ (ISBN 3-7040-1950-X) des Ulmer Wissenschafters Franz Josef Radermacher ein. Es ist ein geballtes Plädoyer für eine „Ökosoziale Marktwirtschaft“. Ökosozial – wir erinnern uns: Da gab es Dipl.-Ing. Josef Riegler als österreichischen Vizekanzler und Bundesparteiobmann der ÖVP. Es waren die Jahre 1989 bis 1991. Etwa zwei Jahre, bevor er in diese politische Schlüsselposition aufstieg, brachte Riegler das erste Mal den Begriff „Ökosoziale Landwirtschaft“ in die Diskussion. Umweltschutz muss sich rechnen und braucht nicht durch Verbote und Kontrolle verankert werden, war die Idee. Sie erweiterte sich zur Ökosozialen Marktwirtschaft: Unser Wirtschaften muss soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung im Blick haben!
Europäisches Netzwerk
Riegler ist aus der ersten Reihe der Politik verschwunden. Doch im Hintergrund hat sich durch sein Wirken die ökosoziale Idee europäisch vernetzt. Die EU griff sie im Leitbild für die europäische Agrarpolitik auf. Noch ist vieles nicht umgesetzt, aber im Aufbruch. Radermacher und Riegler gehen voran.
Politik und Kapital
Riegler mahnt: „Die Politik ist weitgehend abgemeldet.“ Wirtschaftsinteressen steuern die Welt. Die Globalisierung vor allem der Finanzströme und der ungebremste Kapitalismus, ausgehend von den USA, habe die Politik überrollt und Tatsachen geschaffen. Für ein soziales Klima zu sorgen, sei da nicht mehr wichtig. Dieses Gefühl muss rückgewonnen werden. Hierbei misst Riegler der Europäischen Union einen hohen Stellenwert bei. „Die EU ist der einzige Hebel, um international in die wirtschaftlichen Verflochtenheiten politisch hineinwirken zu können. Das ist mühsam, aber man muss es machen.“ Riegler geht noch einen Schritt weiter: Europas Identität ist der ökosoziale Weg! Die Kirche, die Ehrfurcht vor der Schöpfung verteidigend, hätte einen bedeutenden Auftrag. Leider sei sie vielfach zu sehr mit Innenthemen beschäftigt, um nach außen wirken zu können.
Riegler ist seit 1991 Präsident des Ökosozialen Forums Österreich. Vor einem Jahr hat die Österreichische Bundesregierung zur Sicherung der Nachhaltigkeitsstrategie ein Komitee ins Leben gerufen, in dem Ministerien, Länder und Sozialpartner vertreten sind. Ein Expertenforum begleitet dieses Komitee. Es besteht aus 37 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Forschung sowie aus Nichtregierungs-Organisationen des Sozial- und Umweltbereiches. Dipl.-Ing. Josef Riegler ist Vorsitzender, Franz Küberl von der Caritas Ko-Vorsitzender.
Ökosoziale Marktwirtschaft
Zur Sache
In seinem Büchlein „Ökosoziale Marktwirtschaft. Strategie zum Überleben der Menschheit“ formuliert Dipl.-Ing. Josef Riegler acht Punkte für die ökosoziale Idee: 1. Das Wirtschaften beruht auf sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung. 2. Ökosoziale Marktwirtschaft bekennt sich zu den Regeln der Marktwirtschaft. 3. Umweltqualität und soziale Lebensqualität sind im Zentrum aller Überlegungen. 4. Die Erhaltung und das Wiedererlangen von sauberer Natur und intakter Umwelt kostet Geld, das dem Verursacher von Umweltbelastungen verrechnet werden muss. 5. Nachhaltiger Umweltschutz und soziale Fairness gelten als Richtschnur für wirtschaftliches Handeln. 6. Im Umwelt- und Sozialbereich muss über Ländergrenzen hinweg gedacht und gehandelt werden. 7. Ökosoziale Marktwirtschaft trägt bei zu einer zukunftsfähigen Entwicklung der Weltbevölkerung. Durch höhere Standards, Bildung und Aufklärung wird die demografische Entwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit beeinflusst. 8. Die Entwicklungs- und Schwellenländer sind Partner. Investitionen in ihre Sozialstruktur, Umwelt und Wirtschaft sichern ein friedliches Zusammenleben.