Frauen und Männer aus Mitterkirchen haben sich ihre Erfahrungen mit dem Hochwasser von der Seele geschrieben. Ihre Texte erscheinen im Herbst unter dem Titel „Nicht nur der Himmel hat geweint“. Die KIZ bringt vorab einen Beitrag von Pfarrassistentin Anna Maria Kolmbauer.
Hochwasser – dieses Wort begegnete mir sehr oft, als ich im Jahr 2000 als Pfarrassistentin nach Mitterkirchen kam. 1954 und 1991 – von diesen Hochwasserereignissen erzählten die Men-schen sehr viel. Das Wasser schien zu ihrem Leben zu gehören. „Du brauchst keine zu Angst haben, denn der Pfarrhof ist hochwassersicher“ – hat man mir gesagt.
Dienstag, 13. August:
Das Wasser steigt und steigt. Immer höher kommt es Richtung Pfarrhof. Die Kirche ist schon überflutet. Ob das Wasser rechtzeitig Halt macht? Ich rufe bei der Feuerwehr an. „Das Wasser wird auch vor dem Pfarrhof nicht Halt machen. Aber: wir können nicht kommen. Alle Männer sind im Einsatz – und die Strömung ist zu stark, um mit der Zille zum Pfarrhof zu gelangen ...“ Ich trage alles, was ich allein tragen kann, in den ersten Stock: Küchenladen, Matrikenbücher, Aktenmappen, Zeitschriften, Geschirr .... Kurz bevor das Wasser in das Haus dringt, kommen doch noch drei Mann von der Feuerwehr und helfen, das Notwendigste in Sicherheit zu bringen: die neuen Möbel vom Esszimmer, die Waschmaschine, das Kopiergerät, den Computer ... Die Einbaumöbel müssen wir dem Wasser überlassen. Es ist schon im Haus - und die Männer können nicht mehr. Ich ziehe mich in den ersten Stock zurück, stehe stundenlang am Balkon und beobachte, wie das Wasser steigt. Der Friedhof versinkt in den Fluten. Ab und zu steigt eine Grabeinfassung oder ein Holzkreuz auf und schwimmt über unseren Garten davon. (...) Wie wird es wohl den Leuten in den Ortschaften draußen gehen? Es muss schlimm sein.
Das Hochwasser hat sich so weit zurückgezogen, dass ich vom Pfarrhof zur Kirche waten kann. Die Kirchentür klemmt. (...) Mit einem kräftigen Tritt verschaffe ich mir Zutritt. Ein fürchterlicher Anblick: Der ganze Kirchenraum ein Gemisch aus Schlamm, Liederbüchern, Kerzen, Blumenvasen, Möbelstücken ... Das Messbuch entdecke ich im hintersten Winkel der Kirche. Es steckt im Schlamm. Ich kann die Tränen nicht zurückhalten ... Auch der Tabernakel mit dem Allerheiligsten war unter Wasser. Doch das ewige Licht ist nicht erloschen. Da spüre ich tief in mir: Wir werden es schaffen.Im Ort spielen sich schreckliche Szenen ab. Die einen stehen stumm und erstarrt vor ihren zerstörten Wohnungen. Andere schreien und weinen sich ihre Not von der Seele.
Sonntag, 25. August, 7.30 Uhr – Gottesdienst in der Aufbahrungshalle
Eine kleine Schar Mitterkirchner hat sich in der Aufbahrungshalle zum Gottesdienst eingefunden.„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.“ Das war mein Gebet an diesem Tag. (...) Ich glaubte zu spüren, wie sie nach und nach gefüllt wurden, meine leeren Hände und mein sprachloser Mund Worte fand, die gut taten. (...) Am Schluss des Gottesdienstes konnten wir unsere Tränen nicht mehr zurückhalten. (...)
„Nicht nur der Himmel hat geweint“ ist das Ergebnis eines Projekts der Caritas. Das Buch mit ca. 140 Seiten wird ab Herbst im Buchhandel und bei der Pfarre Mitterkirchen (PLZ 4343) zum Preis von ca. 20 Euro erhältlich sein.
Caritas-Einsatz
Zum Beispiel OÖ
Die größte Inlandskatastrophe der letzten Jahre, das Hochwasser im August 2002, hat auch an die Caritas der Diözese Linz große Anforderungen gestellt.
- Die 13 Mitarbeiter/innen der Diözesan-Caritas leisteten bisher 15.000 Stunden.
- In den betroffenen Pfarren haben etwa 200 ehrenamtliche Helfer/innen übers ganze Jahr mitgearbeitet.
- Aus ihren Mitteln hat die Caritas 750.000 Euro Einzelfallhilfe ausbezahlt und Gutscheine im Wert von 311.000 Euro verteilt.
- Die Caritas half bei 1.127 Antragstellungen im Rahmen der nun abgeschlossenen ORF-Hilfe.
- Die Hilfe für Aussiedler läuft bis März 2004. Auch wer sich entschieden hat, nicht auszusiedeln (Mettendorfer), wird unterstützt.
- Hochwasseropfern werden Erholungsaufenthalte ermöglicht.
- Zum Jahrestag der Katastrophe kommt bei vielen wieder die Angst hoch. Manche sind erst jetzt bereit, ihre psychische Situation zu erzählen. – Dasein ist eine Aufgabe der Caritas.