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Warum liebst du uns?

Ungarn: Schwestern vom Guten Hirten leben in einem Zigeunerdorf
Ausgabe: 2003/32, Zigeuner, Ungarn, Zigeuer, Armut, Baumgartenberg, Kloer, Ordensfrau
05.08.2003
- Josef Wallner
Gyöngyösoroszi - das Wort ist kein Zungenbrecher, sondern ein Dorf rund eine Autostunde von Budapest entfernt. Von den 1.600 Einwohnern sind ein Drittel Zigeuner – was für sozialen Sprengstoff sorgt.

„Komm herein”, ruft ein etwa dreißigjähriger Mann, nimmt Sr. Georgette Notter bei der Hand und zerrt sie in sein Haus - wenn man das ebenerdige Gebäude - bestehend aus Küche und Schlafzimmer - Haus nennen kann: die Eingangstür ist aus dem Winkel und lässt sich nur schwer öffnen, der Boden ist mit Belagsresten ausgelegt, eine Glasscheibe behelfsmäßig mit Isolierband in den Fensterrahmen geklebt. Was sich die Schwester unbedingt anschauen muss, ist das Bett: Die Ehefrau schlägt die Decke zurück und zeigt auf die Matratze. Handtellergroße Schimmelflecken kommen zum Vorschein. Wild gestikulierend schimpft der Mann über den Staat, über die Politiker und über die Schwester, die ihm auch noch nie geholfen hat. Seine Frau steht betreten neben ihm, zwei Kinder schauen verängstigt auf den aufgebrachten Vater. Wann immer Sr. Georgette in das Zigeunerviertel von Gyöngyösoroszi geht, umringen sie die Menschen, zeigen ihr, was ihnen fehlt und bitten sie um Hilfe. Die 59-jährige Ordensfrau stammt aus Frankreich und gehört der Gemeinschaft der Guten Hirtinnen an. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs ging sie mit einem internationalen Team von Guten Hirtinnen nach Ungarn, um dort für ihren Orden einen Neuanfang zu organisieren.

Einsatz für die Frauen


Neben einer Niederlassung in Budapest haben die Schwestern – mehr zufällig als geplant – eine kleine Gemeinschaft im alten Pfarrhof von Gyöngyösoroszi gegründet. Der Mission ihres Ordens entsprechend nehmen sie sich im Dorf vor allem um Mädchen und Frauen an, die Hilfe brauchen: Das sind in Gyöngyösoroszi die Zigeunerinnen. Und über die Frauen kommen die Schwestern mit den Familien in Kontakt.
„Man muss die Leute verstehen, wenn sie außer sich geraten”, entschuldigt Sr. Georgette den Wutausbruch des Mannes: „Es ist die Not gepaart mit Ohnmacht, die Menschen so regaieren lässt.” Sie ist dem Mann nicht böse, verlangt aber – bestimmt und ohne eine Spur von Angst, dass er sofort zu schreien aufhört. Plötzlich schlägt das Klima in der Behausung um: Fast beschämt erzählt der Vater, dass sie kein Brot mehr im Haus haben.
Die Not in Gyöngyösoroszi ist groß – obwohl die Schwestern im Dorf schon viel bewegt haben. Sie errichteten ein „Haus der Zukunft“, in dem Zigeunermädchen nach der Schule Essen und Nachhilfeunterricht bekommen. Das Grundstück für das Haus hat die Gemeinde zur Verfügung gestellt. Die ungarische Bürgermeisterin schätzt und unterstützt die Arbeit der Schwestern, weil ihr der Abbau der Spannungen zwischen Ungarn und Zigeunern ein Anliegen ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit im Land.

Einfaches Glaubenszeugnis


In einem weiteren Schritt sollen im „Haus der Zukunft“ vormittags Kurse für Zigeunerfrauen angeboten werden. Und wenn noch viele Vorurteile zu überwinden sind – Sr. Georgette möchte das Haus auch für die ungarischen Kinder öffnen. Dieses Ziel lässt sich erreichen, ist sie überzeugt. Denn ihre Arbeit bringt die Menschen zum Nachdenken. Erst kürzlich fragte sie ein alter Zigeuner: „Schwester, warum liebst du uns?“ „Weil ich selbst unendlich geliebt bin und diese Liebe muss aus mir heraus“, antwortete die Schwester und brachte so ihr Engagement auf einen faszinierenden Nenner.




Zur Sache

Zigeuner in Ungarn

Schätzungsweise leben zwischen 600.000 und 800.000 Zigeuner in Ungarn (6 bis 8 Prozent der Bevölkerung). Das Wort „Zigeuner” wird in dem KIZ-Artikel bewusst verwendet, da die gängige Bezeichnung „Roma” in Ungarn nur eine kleine Gruppe umfassen würde. Überdies nennen sie sich selbst „tzigan” (Zigeuner). Die Masse der Zigeuner Ungarns lebt ausgegrenzt am Rand der Gesellschaft. Die Europäische Union legt auf den Umgang der Beitrittsstaaten mit ihren Minderheiten besonderes Augenmerk. So wurden in allen Beitrittsländern nationale Aktionspläne in Kraft gesetzt, die die bestehende Diskriminierung den Zigeunern gegenüber bekämpfen und die Lebensbedingungen verbessern sollen. In der Praxis hat sich aber noch wenig verändert.

Gute Hirtinnen

Das Kloster der Guten Hirtinnen in Baumgartenberg unterstützt den Aufbau ihrer Schwesterngemeinschaft in Ungarn seit dem Beginn im Jahr 1991. Hilfe erhält die Zigeunerarbeit der Schwestern auch von den Schulen und Sozialeinrichtungen des Klosters. Erst in der Vorwoche konnte Sr. Benedicta eine großzügige Spende des Kulturvereins Baum-gartenberg nach Gyöngyösoroszi bringen.




Not gepaart mit Ohnmacht

1.600 Einwohner zählt das Dorf Gyöngyösoroszi in Ungarn. Ein Drittel sind Zigeuner. Sie leben in tiefer Armut. Schwestern vom Guten Hirten kümmern sich um sie, besonders um die Frauen und Mädchen. Die Kirchenzeitung war mit einer Abordnung des Klosters Baumgartenberg in Gyöngyösoroszi. Dieses oö Kloster der Guten Hirtinnen unterstützt die Mitschwestern in Ungarn.
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