Of(f)’n-Stüberl“ lud ein zum Ausfliegen aus den Grenzen des Lebens
Ausgabe: 2003/34, Obdachlose, Stadtdiakonie,
20.08.2003
- Ernst Gansinger, Team des Of(f)’n-Stüberls
Es gibt Menschen, vor allem Wohnungs- und Obdachlose, die nicht auf Urlaub gehen können, um ihren kleinen Lebensradius zu verlassen, um Neues und Bereicherndes zu erleben. Der Sommer allein löst noch keine Probleme.
„Wir haben derzeit eine Auslastung im Of(f)’n-Stüberl von 70 bis 80 Personen – das sind genauso viele wie im Winter“, sagt Georg Wagner. „Es gibt kein ,Sommerloch’, berichtet auch Marianne Huber von der WiWo Wohnbegleitung der ARGE für Obdachlose, denn „es stimmt nicht, dass es im Winter mehr Obdachlose gibt als im Sommer“. Fraglich bleibt, ob die Kälte des Winters schlimmer ist als die Hitze dieses Sommers.
Fort aus dem Alltag
„Seit eineinhalb Jahren war ich schon nicht mehr draußen aus Linz. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut mir das tut. Die Natur, die Luft, die Sonne ...!“ – So kam Ludwig ins Schwärmen. Er war einer der Teilnehmer am Ausflug des Of(f)’n-Stüberls der Evangelischen Stadtdiakonie Linz. Das Of(f)’n-Stüberl ist eine Einrichtung für wohnungslose Menschen.
Das Angebot der Diakonie ist ein Anker in einer Gesellschaft, die sozial schwache Menschen zu Außenseitern macht. Das Leben von Wohnungslosen hat enge Grenzen; begrenzt nicht von Mauern, sondern von fehlenden Möglichkeiten, selbst zu einem Ausflug.
Zu einem solchen brachen an einem Montag im heurigen Juli Gäste des Of(f)’n-Stüberls mit zwei Kleinbussen der Diakonie auf. Das Wort „Ausflug“ hat so eine besondere Nähe zu seiner bildlichen Bedeutung bekommen: Die Teilnehmer/innen sind „ausgeflogen“ aus ihrem kargen Nest des Alltags. Sie haben den sonst geringen Bewegungs-Umkreis von sozial am Rand lebenden Menschen für zwischendurch verlassen und andere Erfahrungen gemacht. Ihr Ziel war Gmunden. Mit der Seilbahn kam die Gruppe auf den Grünberg und wanderte zum Laudachsee, einem beliebten Ausflugsziel im Land. Für manche Menschen ist es kaum vorstellbar, dort (wieder) einmal hinzukommen.
Meditatives Baden
Robert war der Erste, der sich in das Wasser des Laudachsees wagte. Andere folgten. Einer blieb eine halbe Stunde in fast schon meditativer Ruhe im See und betrachtete die steil aufragenden Felsen von Katzenstein und Traunstein. Was wird ihm da alles durch den Kopf gegangen sein!
Jürgen bedankte sich am Rückweg bei seinem Begleiter und seufzte: „Oh, da ist ja schon die Bergstation. Endlich da! Danke, dass du auf mich gewartet hast!“ Übergewichtig, war es für ihn sicher die doppelte Anstrengung wie für seinen Begleiter. Nicht nur das Rauskommen aus Linz, sondern auch die Wanderung von zwei Stunden war für die Teilnehmer/innen nicht alltäglich. „Die Armut unserer Gäste im Of(f)’n-Stüberl bedeutet für sie nicht nur Geldknappheit, sondern auch schlechte Gesundheit und sehr eingeschränkte Erlebnismöglichkeiten“, fasst Eva Maria Woblistin vom Team der Diakonie zusammen. „Eine kleine Wanderung in der Natur des strahlend schönen Salzkammergutes wird zur Licht- und Luft-Tankstelle, wovon sie noch lange zehren können.“
Zur Sache
Of(f)’n-Stüberl
„Of(f)’n-Stüberl“ nennt sich das Vormittags-Sozialcafé der Evangelischen Stadt-Diakonie in Linz. Es hat Montag bis Donnerstag, 8 bis 11 Uhr geöffnet, im Sommer Dienstag bis Donnerstag. Wohnungslose und benachteiligte Menschen können ein kostenloses Frühstück ge-nießen, finden einen Ort zum Wohlfühlen und des Rück-zugs. Sozialarbeiter Michael Trummer ist Ansprechpart-ner. Viele ehrenamtliche Helfer/innen arbeiten in einem Turnusdienst mit.