Ein angehender Theologe erzählt von seinem Praktikum bei den Reinigungskräften
Ausgabe: 2003/35
26.08.2003
- Heinz Niederleitner
Beim Praktikum Arbeitswelt des Bildungshauses Betriebsseminar in Linz sammeln angehende Theolog/innen Erfahrungen in der Arbeitswelt. Hannes Schwabegger hat sich für ein Praktikum als Gebäudereiniger entschieden.
Hannes Schwabegger kommt aus Kaprun und ist Novize bei den Jesuiten. Derzeit absolviert er mit vierzehn weiteren angehenden Theolog/innen das Praktikum Arbeitswelt. „Das Noviziat in der Gesellschaft Jesu sieht neben einem Pflegepraktikum und den 30-tägigen Exerzitien ein Armutsexperiment vor. Es geht darum, in bescheidenem Rahmen am Leben der Menschen teilzunehmen, zu arbeiten unter Bedingungen, wo schlecht gezahlt wird, in Tätigkeiten, die sozial nicht so anerkannt sind“, erklärt Schwabegger.
Enormer Zeitdruck
Also hat er sich für ein Praktikum bei einer international tätigen Gebäudereinigungsfirma entschlossen. Die Tätigkeit besteht konkret aus dem Wischen von Böden, Reinigen von Toiletten und Waschbecken, dem Entleeren von Mülleimern und Aschern, dem Geschirrspülen und Reinigen von Tischen. „Alles findet unter Zeitdruck statt. Es läuft so ab, dass ein Raum nach Quadratmetern abgemessen und dann errechnet wird, wie viel Zeit man für die Reinigung brauchen sollte. Der Lohn wird auch nach diesen Stunden bezahlt“, erzählt er. Dabei arbeitet er zum größten Teil mit Frauen zusammen, viele aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Sie sind für sechs Stunden angemeldet. Pausenregelung ist keine vorgesehen, sondern Pausen entstehen dann, wenn ein Objekt noch nicht zur Reinigung frei ist. Oft braucht man länger als vorgegeben. Was über diese Zeiten hinausgeht, wird nicht bezahlt. Manchmal arbeitet man bis zehn Uhr abends, denn die Räume müssen sauber sein.“
Hart an der Armutsgrenze
Gearbeitet wird zu zweit. Seit drei Wochen hat Schwabegger dieselbe Kollegin. Durch Gespräche hat der junge Mann viel über ihre Situation gelernt, obwohl zwischenmenschliche Kontakte unter dem enormen Arbeitsdruck leiden. „Sie arbeitet für 800 Euro im Monat. In Österreich liegt die amtliche Armutsgrenze bei rund 726 Euro. Manchmal macht sie Überstunden, das heißt Vormittags- und Nachmittagsschicht. Bei sechs solchen Doppelschichten kommt sie auf 950 Euro im Monat. Ihr Mann kommt ebenfalls aus dem ehemaligen Jugoslawien, kann aber keinen Arbeitsplatz findet, weil er noch kein Visum bekommen hat. Mit ihren 800 Euro muss sie alleine für den gemeinsamen Haushalt Sorge tragen; hinzu kommen die Kosten für den Haushalt und das Auto.“
Zum niedrigen Verdienst kommt noch die soziale Ausgrenzung der Reinigungskräfte: „Man kommt in ein Büro und grüßt. Ob man dann zurückgegrüßt wird, ist eine andere Frage. Wenn ich in so Bürogebäude hineingehe, bekomme ich das Gefühl, dass hier eine Kluft entsteht zwischen denen, die es geschafft haben und erfolgreich sind, und denen, die in sozialer Not sind. Da wird auch gezeigt: Meine Arbeit hat nicht denselben Wert wie deine Arbeit“, beschreibt Hannes Schwabegger seine Erfahrungen.
Neben der Erfahrungssammlung gehört die Reflexion der Eindrücke zum Praktikum Arbeitswelt dazu. Auch Schwabegger hat sich seine Gedanken gemacht: „Vom Glauben her hat die Arbeit einer Reinigungskraft denselben Wert wie die Tätigkeit eines Managers, weil beide am göttlichen Schöpfungsauftrag mitwirken. Die Frage muss deshalb lauten: Woher kommen die gravierenden sozialen Unterschiede? Unter welchen Bedingungen wird Arbeit verrichtet? Das sind einfach Zustände, die einer Veränderung bedürfen und zum Nachdenken darüber anregten, dass Manager auch hier in Österreich ein Zigfaches dessen in der Woche verdienen, was eine Putzfrau im Monat verdient.“
Ungerechtigkeit aufzeigen!
Doch gerade die Zeit zum Nachdenken über ihre Situation fehlt den Betroffenen: „Es ist eine Frage, wie weit solche Tätigkeiten den persönlichen Freiraum zurückdrängen. Soweit ich erschreckt wahrgenommen habe, besteht unter den Kolleginnen ein völliges Desinteresse an Politik. Teilweise sind sie über den eigenen Betrieb sehr wenig informiert.“
Für die Kirche stelle sich die Frage, wie sie in dieses Milieu hineinwirken kann. „Die ausländischen Arbeiterinnen kommen aus verschiedenen Religionen. Wie an Politik sind sie oft auch an Religion wenig interessiert und haben hier keinen Bedarf. Umso schwieriger wird es für die Kirche, diese Menschen anzusprechen.“ Sie müsse aber auf soziale Ungerechtigkeit hinweisen: „Die Kirche muss aber denen eine Stimme geben, die verstummt sind und die stumm gemacht wurden“, ist Schwabegger überzeugt.
Zur Sache
Reinigungskräfte
Für das Jahr 2002 weist die Statistik Austria für ganz Österreich 125.049 Beschäftigte in der Berufsgruppe der Gebäudereiniger und Rauchfangkehrer aus. Nur 10.440 (8,3 Prozent) davon sind Männer. In Oberösterreich waren 20.449 Personen in dieser Berufsgruppe beschäftigt. 851 davon (4,2 Prozent) waren Männer, 19.598 Frauen.