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Kein Platz für Kinder?

Die Werte der Gesellschaft färben auch auf die jungen Familien ab
Ausgabe: 2003/36, Kinder, Gesellschaft, Entwicklung, Platz, Geburtenzahlen
02.09.2003
- Hans Baumgartner
In den 60er Jahren bekamen Familien doppelt so viele Kinder als heute. Seit Tagen diskutiert Österreich über die Ursachen dieser Entwicklung.

Dass die Geburtenzahlen seit dreißig Jahren in den meisten europäischen Ländern zurückgehen, ist nicht neu. Österreich liegt bei der Familienförderung in Europa an der Spitze, bei den Geburtenzahlen am unteren Ende. Am Geld allein hängt der Kindersegen nicht. Ob es richtig eingesetzt wird, darüber kann man streiten. Zumindest ist für die Mehrheit der Familien seit Jahren die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung das größte Problem.

Aktueller Anlass für die Geburtendiskussion war, wer die steigenden Gesundheits- und Pensionskosten zahlen soll, wenn zu wenig Kinder geboren werden. Mit ihrem Sager, dass die jungen Leute mehr an einem flotten Leben als an Kindern interessiert sind, löste Elisabeth Gehrer schließlich eine Debatte über die Werte in unserer Gesellschaft aus.Dass eine Wertediskussion geführt wird, hält die Theologin und Sozialforscherin Regina Polak für äußerst wichtig. „Unsere Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten massive Umbrüche erleben. Wie diese gestaltet werden, wird zutiefst auch eine Frage der Wertvorstellungen sein.“ Viel zu kurzsichtig allerdings sei es, wenn man, wie das jetzt geschehe, die Debatte nur auf den Bereich Familie und Kinder verkürzt, betont Polak. „Eine sinnvolle Wertediskussion kann nur mit dem Blick auf alle gesellschaftlichen Bereiche geführt werden.“

Im Widerspruch


Alle Untersuchungen belegen, so Polak, dass für mehr als zwei Drittel der Jugendlichen die Familie mit Kindern zu den zentralen Lebenswerten zählt. Nach einer Erhebung der Statistik Austria wünschen sich mehr als die Hälfte der 25- bis 30-jährigen Frauen mindestens zwei Kinder. Tatsächlich bekommen Frauen in Österreich 1,33 Kinder. Für Regina Polak steht hinter dieser Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit vor allem die Konkurrenz unterschiedlicher Werte in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. „In der Arbeitswelt gelten heute Mobilität, Flexibilität, ständiges Lernen und hohe Leistungsbereitschaft als zentrale Werte. Der Druck auf junge Erwachsene nimmt deutlich zu. Die einen müssen immer mehr leisten, für die anderen steigt das Risiko, ihren Job wenigstens zeitweise zu verlieren.“ Da über Kinderkriegen heute bewusster als früher entschieden werden könne, spielen diese Entwicklungen eine bedeutsame Rolle, da sie den Werten, die für ein intaktes Familienleben notwendig sind – wie Stabilität, Sicherheit, Zeithaben, Loyalität und Treue –, widersprechen. „Zeit- und Karrieredruck auf der einen und wachsende Unsicherheit auf der anderen Seite führen dazu, dass der Kinderwunsch zunächst aufgeschoben und dann aufgehoben wird“, meint Polak. „Längere Ausbildungszeiten verstärken diesen Trend noch.“

Dazu komme, so Polak, dass in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie Wirtschaft, Wissenschaft oder Technik alles auf Vervollkommnung der Wirklichkeit hinziele. Dieser Trend färbe auch auf die persönlichen Wertsysteme ab. „So will man auch für die Familie die perfekten Bedingungen haben: die gut gestartete Karriere, die ideale Partnerschaft, die besten Voraussetzungen für die Kindererziehung.“ Vielen jungen Erwachsenen fehle heute die Gelassenheit zu sagen, „es passt nie, aber es geht doch immer irgendwie“, meint Polak. Das führe zur Selbtsüberforderung.

Zur Sache

GeburtenzahlVom Jahr 1980 bis zum Jahr 2002 ist in der EU die Geburtenrate pro Frau von 1,8 auf 1,47 Kinder gesunken. In Österreich ging sie von 1,6 auf 1,33 zurück. Nach einem leichten Anstieg im Vorjahr nahm sie heuer wieder um 2% ab. Die größten Rückgänge in der EU haben Griechenland und Spanien (von 2,2 auf 1,25) und Portugal (von 2,2 auf 1,42) zu verzeichnen. Gestiegen ist die Geburtenrate in Dänemark, den Niederlanden und Finnland (von 1,6 auf 1,73). Auch in den EU-Beitrittsländern sinken die Kinderzahlen deutlich.

Kindergarten

Nach einer Erhebung der Statistik Austria fehlen in Österreich 48.000 Kindergartenplätze. Für 42.000 Kinder fanden die Eltern nur einen mangelhaften Platz. Probleme gibt es vor allem mit den zu kurzen Öffnungszeiten und der Entfernung. Besonders groß sind die Lücken bei der Betreuung der unter 3-Jährigen und bei Pflichtschülern (6–12). Beim EU-Gipfel in Barcelona wurde beschlossen, dass es für ein Drittel aller Kinder unter drei Jahren einen institutionellen Betreuungsplatz geben soll. In Österreich liegt die Quote bei 10 Prozent, in Dänemark bei 64%. Ganztägig geöffnete Kindergärten gibt es für 14% der Kinder in Vorarlberg, aber für 92% in Wien.

Alterung

In den nächsten dreißig Jahren wird das Durchschnittsalter der österreichischen Bevölkerung von 39,6 auf 45,3 Jahren steigen, die Zahl der über 60-Jährigen von 20,7% auf 32,2. Ab der nächsten Nationalratswahl (2006) werden die über 50-Jährigen die Mehrheit unter den Wahlberechtigten haben.
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