„Soziale Verantwortung“ soll neues Gütezeichen für Unternehmen werden
Ausgabe: 2003/37
09.09.2003
- Hans Baumgartner
Österreichs Wirtschaft entdeckt ihre soziale Verantwortung neu. Ohne Festlegung von Standards und ohne Kontrolle ist das nur ein Werbegag, meint Heinz Hödl.
Letzten Mittwoch legte die Koordinierungsstelle für Entwicklung und Mission der Österreichischen Bischofskonferenz ihren Jahresbericht 2002 vor. Von den 24 Mitgliedsorganisationen der KOO und den missionierenden Orden wurden 3712 Projekte in 120 Ländern mit einem Gesamtwert von 83,2 Millionen Euro abgewickelt. Während die kirchlichen Mitteln gestiegen sind, wurden die der öffentlichen Hand deutlich gekürzt.
Im Gespräch mit der Kirchenzeitung setzte sich KOO-Geschäftsführer Heinz Hödl auch mit einem neuen Projekt der österreichischen Wirtschaft kritisch auseinander. Seit dem Frühjahr laufen in der Industriellenvereinigung und der Wirtschaftskammer unter dem Kürzel CSR (Corporate Social Responsibility) Gespräche über die „soziale Verantwortung von Unternehmen“. Bis zum Jahresende soll ein Leitbild für ein sozial und ökologisch nachhaltiges Handeln von Betrieben ausgearbeitet werden. In den breit angelegten Diskussionsprozess sind neben der Wirtschaft auch die anderen Sozialpartner sowie zivilgesellschaftliche und kirchliche Organisationen eingebunden.
Ohne Kontrolle nur ein Gag
Die Koordinierungsstelle nimmt an diesen Gesprächen teil und begrüßt die Initiative der Wirtschaft, auch wenn sie nicht ganz uneigennützig ist. Denn vor allem größere Unternehmen haben in den letzten Jahren zunehmend mit dem Image zu kämpfen, dass es ihnen nur um möglichst hohe Gewinne und Aktienkurse geht und die Verantwortung für ihre Mitarbeiter, die Umwelt und das Gemeinwohl hintanstehen. Dem gegenüber steht ein wachsendes Interesse bei den Verbrauchern an sozial handelnden und ökologisch orientierten Betrieben.
Was derzeit an Leitbildideen und deren Umsetzung auf dem Tisch liege, schaue mehr nach einer bloßen Imagepolitur als nach einer echten Neuorientierung der Wirtschaft aus, meint Heinz Hödl. Ein erster Kritikpunkt ist, dass man zu sehr auf das Wirtschaftswachstum als Allheilmittel setzt. „Nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit kann man aber nicht mit der Verbreitung von Wirtschaftswachstum gleichsetzen“, betont Hödl. Als zweiten Kritikpunkt nennt Hödl, dass viel von Zukunftsorientierung geredet werde, die Gerechtigkeit heute, auch gegenüber den armen Ländern, aber zu kurz komme. Die entscheidende Schwäche sieht Hödl darin, dass im geplanten Leitbild keine Mindeststandards für mitarbeiter/-innengerechtes, sozial- und umweltverträgliches Handeln festgelegt werden und keine Überprüfung stattfinden soll. „Da kann sich jeder Betrieb ein CSR-Pickerl umhängen und in der Werbung verkaufen, ohne dass sein Verhalten nach objektiven Kriterien kontrolliert wird.“ Wenn das nicht geändert werde, sei die ganze Aktion bestenfalls ein Bewusstseinsbildungsprozess oder doch nur ein Werbegag, fürchtet Hödl. Beispiele dafür gebe es bereits.
Überblick:
Hilfe der Kirche. Die 24 Mitgliedsorganisationen der Koordinierungsstelle und die Missionsorden haben im Jahr 2002 insgesamt 71,8 Mill. Euro für Entwicklungs- und Pastoralarbeit sowie Katastrophenhilfe in der „Dritten Welt“ ausgegeben. 74% dieser Gelder kamen den Menschen in den allerärmsten Ländern zugute. 4,43 Millionen (5,8% des Gesamtbudgets von 83,2 Mill.) wurden für entwicklungspolitische Bildungs- und Lobbyarbeit in Österreich aufgewendet. Dank der guten kirchlichen Struktur in den Empfängerländern mussten für die Planung und Abwicklung von über 3700 Projekten nur 4,39 Mill. Euro (5,3%) ausgegeben werden. Die Spendenwerbung in Österreich kostete 2,62 Mill. (3,2%).
Die Mittel. Die Mitglieder der KOO und die Orden brachten 65 Millionen Euro auf. Damit stiegen die Gelder aus dem kirchlichen Bereich um 0,4 Millionen gegenüber 2001. Die staatlichen Mittel für KOO-Projekte gingen um 9% (1,2 Mill. Euro) zurück, die EU-Gelder um 53% (2,67 Mill.). Durch den Rückgang der staatlichen Entwicklungsförderung in den letzten drei Jahren entstand 2002 die Situation, dass die von der Kirche eingesetzten Mittel für die Dritte Welt um 18 Prozent höher sind als die gesamte Programmhilfe des Staates.
Blickpunkt
Gerechter Welthandel
Von 10. bis 14. September tagt im mexikanischen Badeort Cancún die 5. Ministerrunde der Welthandelsorganisation WTO. Ihre Aufgabe ist es, eine Zwischenbilanz über die laufende Welthandelsrunde zu ziehen. Auch unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA beschlossen die 146 WTO-Mitgliedsländer im November 2001 in Duran, in der bis Ende 2005 laufenden Verhandlungsrunde besonders die Interessen der Entwicklungsländer zu berücksichtigen. Ein Knackpunkt für diese Verhandlungen ist der Landwirtschaftsbereich, sagt Judith Zimmermann von der Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz. Sie gehört der österreichischen Regierungsdelegation an.
In Duran, so Zimmermann, wurden gute Ansätze gemacht, um den armen Ländern den Marktzutritt für ihre Agrarprodukte zu erleichtern und ihre eigenen, erst im Aufbau begriffenen Märkte zu schützen. Doch die Verhandlungen sind inzwischen ins Stocken geraten. Die entscheidende Frage wird sein, ob die reichen Länder bereit sind, ihre Agrar-Exportförderungen sowie die interne Produktförderung einzuschränken. Die Vorschläge zur EU-Agrarreform, von der Produktförderung wegzukommen, zielen in diese Richtung.