Die Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz (KTU) feiert: Vor 25 Jahren wurde die Philosophisch-Theologische Hochschule der Diözese Linz zur Theologischen Fakultät päpstlichen Rechts erhoben. Damit verbunden war auch das Recht akademische Grade zu verleihen.
Fotos: Franz M. Glaser
Dr. Franz Gruber, Professor für Dogmatik, im Gespräch mit der Kirchenzeitung über eine „dialogische“ Theologie zum 25-Jahr-Jubiläum der Privatuniversität.
Wer braucht die Theologie?
Gruber: Spontan würde man sagen: Seelsorger und Religionslehrer, aber in Wirklichkeit jeder Mensch, der sich letzten Fragen stellt – nach dem Sinn des Lebens, nach dem Leid, nach Gott. Diese elementaren Fragen sind theologische Fragen und daher behaupte ich: Jeder Mensch ist von Natur aus Theologe.
Wer braucht dann die wissenschaftliche Theologie?
Gruber: In einer Gesellschaft, die durch und durch von der Wissenschaft geprägt ist, braucht die Kirche die Theologie für die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und für die Selbstorientierung in der Glaubenstradition und modernen Kultur.
Die Theologie ist eine Besonderheit des christlichen Glaubens. Denn religiöse Praxis wäre auch ohne Theologie möglich. Die Kirche hat sich von Anfang an für die Theologie entschieden. Das heißt: Die Christen sind sich bewusst geworden, dass der Gott, zu dem man betet, nicht nur der Gott der Glaubensgemeinschaft ist, sondern auch der Nichtglaubenden. Die Rede von Gott ist daher nur im Dialog zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden möglich. Das ist gerade heute, wo christlicher Glaube für viele Menschen immer unverständlicher wird, ein sehr wichtiger Vorgang, weil wir damit auch erkennen können, ob Kirche überhaupt noch verständlich ist. Eines muss aber klar sein: Wer auf Theologie setzt, setzt sich Spannungen aus, weil zwei Pole in Beziehung stehen: die Glaubensüberzeugung und die wissenschaftlichen Argumente.
In den letzten Jahren sind in Österreich mit Gaming und Blindenmarkt zwei theologische Ausbildungsstätten entstanden, die bewusst außerhalb der staatlichen universitären Landschaft stehen. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die Pole Glaubenspraxis und Wissenschaft für viele in einem falschen Spannungsverhältnis stehen?
Gruber: Es gibt zur Zeit Tendenzen in der Kirchenleitung die Theologie stark an sich zu binden. Das erschwert die Diskussion über den Ort der Theologie an staatlichen Universitäten. Ich halte einen Ausstieg aus dem Universitätssystem für katastrophal, weil er letzten Endes auf Dialogverweigerung hinausläuft.
Konkret: Halten Sie das Spannungsverhältnis zwischen Glaubenspraxis und Wissenschaft für ausgewogen?
Gruber: Ich kann nur für Linz reden und hier bin ich überzeugt, dass es gut ausgewogen ist. Wir verstehen uns als Theologen und Theologinnen, die sich bemühen in die Glaubensgemeinschaft zu wirken und aus ihr heraus Theologie zu treiben, was in der Diözese Linz auch sehr positiv wahrgenommen wird. Man muss sich aber bewusst sein, dass die Wissenschaft immer auch eine Provokation für uns Gläubige bleibt. Die Theologie stellt zum Beispiel verengte Formen des Amtes in Frage. So lässt sich aus der theologischen Forschung nicht ohne weiteres ein Verbot von Diakoninnen begründen.
Besorgt bin ich über eine gewisse Entfremdung zwischen wissenschaftlicher Reflexion und Kirchenpraxis: In den letzten Jahrzehnten haben Administration und Bürokratie deutlich an Bedeutung gewonnen. Managementwissen scheint in der Pastoral zur Zeit mehr gefragt als theologisches Know-how.
Hat die Theologie die Aufgabe den persönlichen Glauben der Studierenden zu stärken?
Gruber: Gute Theologie unterstützt die Personwerdung der Menschen: dass sie fähig werden in Glück und Leid einem liebenden Grund zu vertrauen, der Gott ist. Die Studenten müssen aber zwischen Frömmigkeit und Wissenschaft unterscheiden. Eine Vorlesung ist keine Meditation.
Braucht die Gesellschaft die Theologie?
Gruber: Jahrhundertelang konnte man sich eine Gesellschaft ohne Theologie nicht vorstellen. Das ist heute anders. Nicht mehr gebraucht wird die Theologie, um Naturprozesse zu erklären. Die Theologie wird auch kaum mehr für die Ethik in Anspruch genommen. Hier hat die demokratische Gesellschaft durch die Menschenrechte selbst Instrumentarien für das Zusammenleben entwickelt. Der Theologie kommt aber in diesem Bereich eine kritische Funktion zu: Sie ist eine Stimme des Gewissens, wenn sie Einspruch erhebt gegen die Vergötzung des Marktes auf Kosten der Menschen. Und sie bleibt unverzichtbar, weil wir Menschen unausweichlich vor letzte Fragen gestellt sind – letztlich vor die Frage nach Gott. Da braucht die Gesellschaft auch in Zukunft die Theologie.