Die Hochwasser-Katastrophe in Tirol, Vorarlberg und der Steiermark weckt bei tausenden Oberösterreicher/innen schreckliche Erinnerungen. Die Flut vom Sommer 2002 kehrt in die Köpfe zurück: die Hilflosigkeit, die Erschöpfung, die Angst vor der Zukunft. Es werden aber auch die Erinnerungen daran wach, was am meisten geholfen hat: die vielen Helfer/innen und die Erfahrung, nicht allein zu sein.
Anker der Hoffnung
Hochwasserkatastrophe: Was „die Kirche“ tut und tun kann
Was tut „die Kirche“ an-gesichts des Leids, das Naturkatastrophen über vieleMenschen gebracht haben?
Johannes Schwemberger ist Diakon. Vor wenigen Tagen muss-te er einem 12-jährigen Mädchen die Nachricht vom Tod seiner Mutter überbringen. Jetzt ist er als Notfallseelsorger im Einsatz. Er sieht das Mädchen. Mit seinem Vater sitzt es auf dem Trümmerhaufen des Hauses. Fassungslos. Er geht auf die beiden zu. Sie schauen auf – und fallen ihm um den Hals.
Szenenwechsel. Alfons Kössler ist ebenfalls Diakon. Auch er ist Mitglied des Notfallseelsorge- und Kriseninterventionsdienstes. Per Hubschrauber ist er ins abgeschiedene Paznauntal gelangt. Er sucht drei Frauen und vier Kinder auf. Im Getöse des Hochwassers und der Muren haben sie die Nacht in ihrem Haus verbracht. Sie konnten nicht mehr rechtzeitig entkommen und evakuiert werden. Der Schock sitzt tief. Kössler nimmt sich vor allem der betagten Mutter und Großmutter an. Das Gespräch mit ihr dauert lang. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte. Kössler ist erstaunt: Sie trägt die harten Schicksalsschläge mit Fassung.
Doch „Kirche“: Das sind nicht nur die beiden Diakone. „Kirche“: Das sind die vielen, vielen Menschen, die aus den Häusern den steinharten Schlamm pickeln, die ganz selbstverständlich Nachbarschaftshilfe leisten, die als Baggerfahrer Übermenschliches leisten, die organisiert bei Feuerwehr und Rotem Kreuz im Einsatz stehen oder die mithelfen, die Einsatzkräfte mit Nahrung zu versorgen. „Kirche“: Das sind auch der Pfarrer und der Bischof, die von der Katastrophe Betroffene aufsuchen, ihnen beistehen, Mitgefühl zeigen. Und „Kirche“: das sind auch die MitarbeiterInnen der Caritas. Kirche. Im Katastrophenfall erweist sie sich als das, was sie ihrem Wesen nach ist: eine Solidargemeinschaft, ein Anker der Hoffnung.
In Pfunds und Pflach, zwei vom Hochwasser und von Muren schwer betroffenen Tiroler Orten, hat Bischof Manfred Scheuer mit Betroffenen und HelferInnen Gottesdienst gefeiert. In seiner Predigt sagte er zu den Mitfeiernden:
Die Auslegung des Wortes Gottes haben Sie in den letzten Tagen selbst vollzogen. Das Wort Jesu ist ja keine bloße Floskel. Es will in uns Fleisch werden, möchte uns ergreifen. Ihr Leben und Ihre Arbeit waren die beste Predigt über das Vertrauen in Gott, über die Kraft des Glaubens, über die Hilfsbereitschaft und das Teilen, das Tragen der Las-ten.
Wo ist Gott? So wurde ich in den letzten Tagen oft gefragt. Wir dürfen guten Gewissens sagen, dass er da ist in der Hilfsbereitschaft zu arbeiten, zu putzen, aufzuräumen und aufzubauen, dass er sich in den beruflichen Fähigkeiten verbirgt, die jetzt Brücken und Straßen aufbauen, dass er im Denken und Planen derer wirkt, die in der Katastrophenvorsorge und -hilfe tätig sind. Er ist gegenwärtg in der Hand, die teilt, die tröstet. Er ist vor allem da bei jenen, denen alles genommen wurde, als Mut zum Leben, als Kraft der Sorge für andere.
Freilich: Es bleibt ein Riss. Wir können nicht einfach verstehen, welchen Sinn das Ganze hat. Es bleibt die offene Wunde, die nicht vorschnell zugedeckt werden darf. Und so darf das Zupacken bei der Arbeit, das Teilen der Güter und der Zeit verbunden sein mit der Klage vor Gott.