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Mangel an Solidariät

Neuer KSÖ-Direktor will den sozialen Zusammenhalt stärken
Ausgabe: 2005/37, Ladenöffnungszeiten, Huber, Gewerkschaften, Bahnhof
14.09.2005
Die Stärkung des sozialen Zusammenhalts hat der neue Leiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs, Markus Schlagnitweit, als Schwerpunkt der Arbeit bezeichnet.

Bei seiner Antritts-Pressekonferenz vergangene Woche wies der neue Leiter der Katholischen Sozialakademie (KSÖ), Markus Schlagnitweit, darauf hin, dass der Reichtum in Österreich weiter wachse, während die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffe. „Das kann nicht im Sinne der Katholischen Soziallehre sein und weist auf einen Mangel an Solidarität in der Gesellschaft hin.“ Jede Sozial- und Wirtschaftspolitik müsse daran gemessen werden, inwieweit sie am sozialen Zusammenhalt und der Würde jedes Menschen orientiert ist.

Wirtschaftswachstum alleine schaffe nicht automatisch neue Arbeitsplätze, betonte der KSÖ-Direktor. Ganz im Gegenteil werde der Anteil der Erwerbsarbeit in der Gesamtwirtschaft immer unbedeutender. Das führe zu vermehrtem Druck auf Arbeitslose, aber auch auf Erwerbstätige. Die Zahl der prekären sowie der atypischen Arbeitsverhältnisse, die bei abnehmender sozialer Sicherheit ein Höchstmaß an Flexibilität erfordern, nehme ständig zu.
Um in dieser Situation den Menschen ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit zu geben, sei die Einführung eines „Grundeinkommens für alle“ notwendig, forderte Schlagnitweit. Soziale Sicherheit und Erwerbsarbeit müssten wenigstens teilweise entkoppelt werden. Außerdem sollten viele Bereiche, wo Arbeit geleistet, aber nicht (entsprechend) bezahlt wird – wie etwa die Pflege – in den regulären Arbeitsmarkt eingebunden werden. Weiters forderte Schlagnitweit Modelle für eine gerechtere Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, insbesondere zwischen Männern und Frauen.
Als besonderen Wert für die Gesellschaft hob der neue KSÖ-Leiter den arbeitsfreien Sonntag sowie grundsätzlich gemeinsame freie Zeiten hervor (s. "im Blick").

Schlagnitweit machte sich auch für einen modernisierten und effektiven Sozialstaat stark, der über ausreichende Steuermittel finanziert werden müsse. Die Steuern müssten dabei fair und gerecht sein, so der KSÖ-Direktor. Das österreichische System habe diesbezüglich erhebliche Mängel: „Die Einnahmen aus Unternehmenssteuern und Vermögen sind im Vergleich zu Steuern auf Konsum und Lohn zu niedrig“. Schlagnitweit sprach sich auch für stärker ökologisch orientierte Steuern aus, die in Richtung eines zukunftsfähigen, nachhaltigen Wirtschaftens lenken würden.

Als ein wesentliches Thema für die Zukunft machte der KSÖ-Direktor auf „ethisches Investment“ aufmerksam. Dieses habe gerade in Europa ein enormes Wachstumspotenzial und ermögliche es, über die Veranlagung von Geld Einfluss auf Entwicklungen in der Wirtschaft auszuüben. Schlagnitweit hat in diesem Bereich persönliche Erfahrungen gesammelt, da er an der Entwicklung von zwei Ethik-Fonds von Linzer Banken beteiligt war.
Als konkrete Arbeitsschwerpunkte der KSÖ für die nächsten Monate nannte Schlagnitweit die Weiterarbeit mit dem Ökumenischen Sozialwort, die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zum „ethischen Investment“ sowie die Erarbeitung eines Web-Learning-Angebotes zum neuen Sozialkompendium der katholischen Kirche.

Der bisherige Leiter der KSÖ, P. Alois Riedlsperger, wird weiter in der Akademie mit dem Schwerpunkt Sozialwort der Kirchen mitarbeiten. Als größte Herausforderung seiner 22-jährigen Amtszeit sieht er die dramatischen Umbrüche in der Arbeitswelt durch die Automatisierung und die von den Kapitalmärkten diktierte Globalisierung. „Mein großes Anliegen war es, der Gefahr der Privatisierung des sozialen Risikos entgegenzuwirken und den Sozialstaat weiterzuentwickeln“, meint Riedlsperger (ausführliches Interview nächste Nummer).


Im Blick


Neue Ladenöffnungszeiten für Geschäfte auf Bahnhöfen forderte vergangene Woche ÖBB-Vorstand Martin Huber. Nach Medienberichten planen die ÖBB an 27 Standorten die Errichtung von Supermärkten. Sie sollen auch an Sonntagen offen halten. Derzeit ist das nur Geschäften für Reiseproviant mit einer maximalen Verkaufsfläche von 80 Quadratmetern erlaubt.

In Linz ist der Versuch der ÖBB und einer Handelskette, auf dem Bahnhof einen Supermarkt zu betreiben, vorerst gescheitert. Die Landesregierung sah keinen „besonderen Bedarf“. Sie verlangte, den Sonntagsverkauf auf die Lebensmittelabteilung zu bschränken, worauf Spar den Markt wieder schloss. Auf einem Kärntner Bahnhof konnten AK-Teskäufer – trotz der offiziellen Sperre eines Großteils des Marktes – Waren aus allen Abteilungen kaufen. Gabriele Kienesberger von der „Allianz für den freien Sonntag“ sieht im Versuch, auf den Bahnhöfen Supermärkte zu errichten, die sieben Tage offen haben, eine Strategie, die Sonntagsruhe zu unterlaufen. „Mit welchem Recht kann ich dann Geschäften auf anderen Standorten verbieten, ebenfalls aufzusperren.“
Ähnlich sehen es auch die Kirchen und Gewerkschaften in der Schweiz. Dort findet im November ein Volksentscheid statt, der den Sonntags-Verkauf praktisch aller Waren auf Bahnhöfen und Flughäfen gestatten soll. Da geht es nicht mehr bloß um Waren des täglichen Bedarfs für Reisende, was jetzt schon sehr großzügig ausgelegt wird. Es sollen dann auch Kühlschränke, Fernseher, Computer oder sogar Autos verkauft werden dürfen. Kirchen und Gewerkschaften fürchten, dass der Volksentscheid durchgeht. Damit würde der erste Schritt für eine totale Liberalisierung der Öffnungszeiten gesetzt.

kap/hb
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