12. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr C, 19. Juni 2016
Ausgabe: 2016/24
14.06.2016
- Aglaia Mika
Wort zum Sonntag
„Nur“ den Menschen sehen
Wie gehen wir mit Ungewissheit um? Manchmal kommt unsere Einsicht über das, was passiert ist, erst im Nachhinein. „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ Doch sogar dieses schreckliche Gewahrsein wird gelindert von einer Quelle „zur Reinigung von Sünde und Unreinheit.“ Auch die Jünger Jesu sind mit großer Ungewissheit konfrontiert: Zwar haben sie in ihrem Meister den Messias bereits erkannt - doch dieser verbietet ihnen streng, die Botschaft zu verbreiten, damit sich die Verheißungen der Propheten erfüllen können. Und noch mehr mutet er ihnen zu, indem er ihnen sein Leiden und seine Auferstehung voraussagt: Sie werden Zeugen sein, sofern es ihnen weiterhin gelingt, den eigenen Willen aufzugeben und sich seiner Nachfolge hinzugeben. Großes wird von den Jüngern verlangt - Großes wird ihnen durch ihren Herrn vorausgesagt.
Vieles können wir aus diesen Schriftstellen lernen, denn auch das Leben im 21. Jahrhundert erfordert viel Mut. Ungewissheit prägt unsere Zeit. Europa befindet sich in starkem Wandel. Und wir müssen uns davor hüten, zu schnell zu urteilen, wer an den größten Herausforderungen unserer Zeit Schuld trägt. Denn die eigentliche Ursache liegt oft im Verborgenen.
Der Brief des Paulus an die Galater gibt uns ein ganz wichtiges Werkzeug mit: Die Menschen werden nicht mehr nach Herkunft, Gesellschaftsschicht oder Geschlecht eingeteilt. Nein, sie sind alle vereint in Jesus Christus: Denn er hat sein Leiden für alle Menschen auf sich genommen. Diese radikale „Reduktion“ aller Menschen auf ihr Mensch-Sein und ihr Erlöst-Sein kann uns heutzutage Halt geben. Denn wenn wir in unserem Nächsten „nur“ den Menschen sehen, sind wir bereits durch unsere größte und wichtigste Gemeinsamkeit vereint.
Zum Weiterdenken
Wie würde die demografische Aufzählung in Gal 5,28 heutzutage formuliert werden? Kann ich die Grundbedürfnisse nach Anerkennung, Schutz, Liebe und Freiheit meinen Nächsten ausnahmslos zugestehen?
Ein Spezifikum des christlichen Gottesbildes liegt in der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth. Der Sohn Gottes tritt als Mensch unter die Menschen - Gott bekommt ein Gesicht. Das fordert zur Stellungnahme heraus - bis heute: Wer ist Jesus für mich?
Evangelium
Lukas 9, 18–24 Jesus betete einmal in der Einsamkeit, und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute? Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Messias Gottes. Doch er verbot ihnen streng, es jemand weiterzusagen. Und er fügte hinzu: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen. Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.
1. Lesung
Sacharja 12, 10–11; 13, 1 Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen. Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint. An jenem Tag wird die Totenklage in Jerusalem so laut sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. [...] An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünden und Unreinheit.
2. Lesung
Galater 3, 26–29 Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus. Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.