„Orthodoxie kann sich Scheitern des Konzils eigentlich nicht leisten“
Nach der Absage aus Moskau stand das orthodoxe Konzil zu Redaktionsschluss auf der Kippe. Welche Bedeutung ein solches Treffen für die katholische Kirche hat, erklärt der Ökumene-Experte Dietmar Winkler.
Ausgabe: 2016/24
14.06.2016
- Niederleitner Heinz
Was wären aus ökumenischer Sicht die Chancen und Risiken dieses Konzils? Winkler: Mit Blick auf die römisch-katholische Kirche kann sich die Orthodoxie ein Scheitern des Konzils eigentlich nicht leisten. Die orthodoxe Kirche fordert ja als eine Bedingung für die Kircheneinheit mit Rom die Aufgabe der päpstlichen Primatsstellung und die Übernahme ihres Systems selbstständiger Kirchen unter einem „Primus inter Pares“ (Erster unter Gleichen, Anm.), wie das der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel ist. Wenn die Orthodoxie nicht vorlebt, dass ein solches Kirchenmodell auch funktioniert, wie sollten die Katholiken darauf einsteigen können? Weiters wäre es bei manchen gesellschaftspolitischen Themen vielleicht gar nicht positiv, wenn sich die Orthodoxie auf eine Position festlegt, die sich in den Gesprächen mit den Katholiken oder unter den orthodoxen Kirchen als schwierig erweisen könnten. Letztlich könnte es passieren, dass man sich bei manchen Fragen einfach auf keine globalen Lösungen einigen kann.
Umstritten ist die geplante Konzilserklärung zur Ökumene. Die orthodoxe Bischofskonferenz Griechenlands ist beispielsweise nicht bereit, unter anderem die katholische Kirche als Kirche anzusehen. Was ist in diesem Bereich zu erwarten? Von katholischer Seite würden wir uns natürlich eine Erklärung wünschen, die dem entspricht, was wir selbst beim Zweiten Vatikanum gegenüber der Orthodoxie festgestellt haben: Dass das auf gültige Weise eine Kirche ist. Ich denke aber, dass es derzeit eher nur zu einer vagen Erklärung käme. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. wurde zum Beispiel von konservativen Kreisen aus seiner eigenen Kirche nach dem Treffen mit Papst Franziskus hart dafür kritisiert, sich mit einem „Häretiker“ getroffen zu haben. Vor diesem Hintergrund kann ich mir leider nicht vorstellen, dass er derzeit ein Dokument unterschreiben kann, das die Katholiken als Kirche bezeichnet. Alle orthodoxen Kirchen haben vor Augen, dass das, was auf einem Konzil beschlossen wird, ja auch von den Gläubigen zu Hause angenommen werden soll.
Ist der Eindruck richtig, dass sich die katholische Kirche näher bei der Orthodoxie sieht als die Orthodoxie bei der katholischen Kirche? Auf Seiten der katholischen Kirchen geht es vor allem um die Frage des Primats des Papstes. Aber die Orthodoxie sieht auch Unterschiede im Glauben, zum Beispiel bei der Dreifaltigkeit. In der bischöflichen Verfassung mögen uns die Orthodoxen näher stehen, aber bei der Art der theologischen Reflexion und auch im kulturellen Denken teilen wir mitunter mehr mit den Lutheranern und den reformierten Kirchen. Österreich ist vielleicht besonders: Hier ist die Orthodoxie seit Jahrhunderten beheimatet und hat seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute eine sehr erfreuliche und ökumenisch aktive Rolle übernommen.
Ökumene bedeutete unter Österreichs Katholiken lange vor allem Gespräche mit den Evangelischen. Haben wir die Orthodoxie übersehen? Wir haben sie lange ausgeblendet, sind aber mittlerweile in einem Prozess des Bewusstwerdens. In den letzten 20 Jahren ist da viel geschehen. Spätestens seit der EU-Osterweiterung um Rumänien und Bulgarien – die Griechen sind ja schon länger dabei – wurde klar: Die Orthodoxie gehört zu Europa und ist eine Realität in der EU. Sie ist jetzt auch im Alltag öfter zu sehen, wenn zum Beispiel immer mehr orthodoxe Kinder in den Schulklassen sitzen.
Zur Sache
14 Kirchen
Zu den 14 autokephalen („mit eigenem Haupt“, d.h. eigenständigen) orthodoxen Kirchen gehören das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, die orthodoxen Patriarchate von Alexandrien, Antiochien, Jerusalem, Georgien, Bulgarien, Moskau, Serbien und Rumänien sowie die Erzbistümer von Zypern, Griechenland, Polen, Albanien und das Erzbistum von Tschechien und der Slowakei. Daneben gibt es Kirchen, deren Stellung umstritten ist. Untergeordnet sind autonome Kirchen.
„Oberhaupt“
Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel wird als Ehrenoberhaupt der Orthodoxie bezeichnet. Er ist im Kreise der Oberhäupter der eigenständigen Kirchen ein „Primus inter pares“ (Erster unter Gleichen) mit Befugnissen zur Koordination, aber ohne Weisungsbefugnis gegenüber den selbständigen Kirchen.
Zahlen
Rund 300 Millionen Menschen weltweit gehören der Orthodoxie an mit ihren eigenständigen Kirchen an. Gemeinsam haben sie den Glauben, die Sakramente und die Liturgie – wenn auch in verschiedenen Sprachen. In Österreich leben bis zu 450.000 orthodoxe Christen. Die meisten gehören der serbisch-orthodoxen Kirche an. Ihr steht hierzulande Bischof Andrej Cilerdzic vor. Der griechisch-orthodoxe Metropolit von Austria ist Arsenios Kardamakis, zugleich Vorsitzender der orthodoxen Bischofskonferenz in Österreich.