Theaterspielen in der Schule macht nicht nur Spaß, es fördert auch persönliche Fähigkeiten. Das wusste der Orden der Jesuiten schon vor 400 Jahren.
Ausgabe: 2016/25
22.06.2016
- Christine Grüll
Das Schuljahr nähert sich seinem Ende, und damit auch die Aktivitäten der Schultheatergruppen. Das Theaterspielen hat so manchen jungen Menschen in seiner Persönlichkeit gestärkt, im Auftreten und im sprachlichen Ausdruck. Trotz dieser Vorteile ist ein Schultheater davon abhängig, ob sich einzelne Lehrerinnen und Lehrer dafür engagieren. Das war nicht immer so. Vor 400 Jahren nutzten die Jesuiten das Theaterspiel als Leistungsschau ihrer Schüler – und der ganzen Schule.
Spielerische Bildung
„Bei den Aufführungen hat man den Eltern und den anderen Anwesenden gezeigt, was die Schule zu bieten hat“, sagt der Germanist Dr. Christian Neuhuber, „bis zu 150 Schüler standen auf der Bühne, vor allem die hochadeligen musste man präsentieren.“ Christian Neuhuber unterrichtet an der Universität Graz und hat zur Literatur im Barock und zum Jesuitentheater in Oberösterreich (siehe Kasten) geforscht. Dessen Zentren lagen in Linz und Steyr, wo der Orden Schulen gegründet hatte: 1608 im heutigen Linzer Landhaus, 1632 am Michaelerplatz in Steyr. Der Grundgedanke des Schultheaters war, „die Lehrziele einer umfassenden Wissensvermittlung, moralischen Schulung und rhetorischen Ausbildung in sozusagen spielerischer Weise zu erreichen“, so Christian Neuhuber. Es gab jedoch nicht nur pädagogische Gründe für das Theaterspiel.
Bibel und Bühne
Der Höhepunkt des Jesuitentheaters im 17. Jahrhundert fiel in eine gefährliche Zeit. Der Dreißigjährige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten wütete, Wien erlebte die zweite Türkenbelagerung. Der katholische Glaube brauchte aus Sicht des Ordens Unterstützung. So wurden Erzählungen aus der Bibel und Heiligenlegenden für die Bühne bearbeitet. In „Hermanus“ wurde die Marienverehrung thematisiert, in „Celsus puer Antiocheus“ das Leben eines Märtyrers. Das sind nur zwei der tausenden Theaterstücke in lateinischer Sprache. Ein Bruchteil ist bis heute erhalten geblieben, und davon meist nur die Periochen – Programmhefte auf Deutsch für das Publikum. Die Schüler hingegen übten die damalige Weltsprache Latein nicht zuletzt durch die Dialoge, die sie zu sprechen hatten. Nur wenige der überlieferten Texte des Jesuitentheaters sind bisher aufgearbeitet worden, sagt Christian Heuhuber. Sicher ist, dass es ein sehr lebendiger Teil der europäischen Theatergeschichte war.
Zur Sache
Jesuitentheater
Jesuitentheater, auch Jesuitendrama, ist das lateinsprachige Barockdrama des Jesuitenordens. Es wurde von ca. 1555 bis zur Aufhebung des Ordens im Jahr 1773 an Jesuitenschulen u.a. in Linz und Steyr gepflegt. Meistens wurden die Stücke von ungenannt gebliebenen Professoren verfasst. Das Theater des Linzer Jesuitenkollegs erlebte seinen Höhepunkt, als Kaiser Leopold I. seinen Hof zwischen 1680 und 1684 von Wien nach Linz verlegte. Die „ludi caesarei“ (kaiserliche Spiele) wurden mit ihren aufwändigen Inszenierungen mit Tanz und Musik noch mehrere Jahrzehnte weitergeführt.