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„Ethik-Dialog zwischen den Kirchen notwendig“

Der 500. Jahrestag der Veröffentlichung von Martin Luthers Ablassthesen 1517 rückt näher, der Papst wird beim Reformationsgedenken im heurigen Oktober in Schweden sein. Aber wo steht der Dialog mit der evangelischen Kirche heute? Kardinal Kurt Koch, Präsident der Ökumene-Behörde im Vatikan, nimmt dazu im Interview Stellung. Er gehört auch zu den Referenten der Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster vom 13. bis zum 15. Juli.
Ausgabe: 2016/27
05.07.2016
- Heinz Niederleitner
© © 2015 KNA, www.kna-bild.de - Nutzungsrechte vorbehalten.
Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat heuer auf ihrer Titelseite gefragt: „Warum haben wir noch zwei Kirchen“ – und so auf die vielen Gemeinsamkeiten zwischen katholischer und evangelischer Kirche angespielt. Ist ein frecher Zugang nützlich? Kardinal Koch: Dieser Zugang weckt die Frage: Wo stehen wir heute im ökumenischen Dialog und was ist noch zu tun? Insofern ist er zwar provokant, regt aber alle Seiten zum Nachdenken an: Gibt es wirklich keine Unterschiede mehr? Ist es allein eine Frage des Nicht-Wollens? Die ökumenischen Gespräche jedenfalls haben gezeigt, dass noch einige Fragen zu klären sind.

Ein anderer Zugang wäre zu sagen: Die Ökumenefragen sind heute etwas für theologische Spezialisten, mit wenig Bezug zum Alltag der Gläubigen. Ist das für Sie ein Problem? Entscheidend ist, dass die theologischen Dialoge nicht derart abgehoben sind, dass man den Eindruck hat, es ginge nur um akademische Spitzfindigkeiten. Die Theologie muss sich Mühe geben zu zeigen, wo die Probleme sind – und diese Probleme so darzulegen, dass man sie verstehen kann.

Tut sie das in ausreichendem Maße? Das müsste noch intensiver geschehen. Denn die vielen Übereinstimmungen, die auf theologischer Ebene erarbeitet werden, werden erst fruchtbar, wenn sie von den Kirchenleitungen und von den Gläubigen angenommen werden. Insofern ist jeder Konsens in der Ökumene darauf angewiesen, akzeptiert zu werden. Dazu muss er verständlich sein.

Sie sprachen von bisher erreichten Einigungen, die ja vor allem Glaubensfragen betreffen. Aber entsteht nicht aktuell eine neue Kluft zur evangelischen Kirche in ethischen Fragen, zum Beispiel in der Fortpflanzungsmedizin? Da gibt es in der Tat eine große Veränderung. In den 1980er Jahren lautete die Devise in der ökumenischen Bewegung: Glaube trennt, Handeln eint. Heute müssen wir fast umgekehrt sagen: Wir konnten viele Glaubensfragen vertiefen, aber auf ethischem Gebiet sind neue Differenzen aufgetreten: vor allem in der Bioethik, beim Schutz des Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende, aber auch bei Fragen der Familie, der Ehe und der Sexualität vor allem im Kontext der Genderdiskussion. Das ist eine große Herausforderung. Denn wenn die christlichen Kirchen in Europa zu den zentralen Fragen des Lebens nicht mit einer Stimme sprechen können, wird die christliche Stimme immer schwächer. Daher muss der ökumenische Dialog auch über diese ethischen Fragen geführt werden.

Kommen wir zu einem heiklen Punkt: Abendmahlsgemeinschaft. Die evangelische „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“, Margot Käßmann, kann sich eine Lösung ähnlich jener zwischen der evangelischen und der reformierten Kirche vorstellen: Dass man sich trotz unterschiedlicher Auffassungen am Tisch des Herrn trifft. Ist das für Sie vorstellbar? 
Da zeigt sich eine grundlegende Differenz. Frau Käßmanns Aussage ist nur auf dem Hintergrund der Leuenberger Konkordie zu verstehen: Diese geht davon aus, dass man die Abendmahlsgemeinschaft aufnimmt und anschließend die noch offenen Fragen diskutiert. Demgegenüber hält die katholische Kirche am Prinzip der alten Kirche fest, dass Eucharistiegemeinschaft die Kirchengemeinschaft und diese die Glaubensgemeinschaft voraussetzt. Das sind grundlegende Unterschiede nicht nur im Blick auf die Abendmahlsgemeinschaft, sondern überhaupt im Blick auf das Ziel der Ökumene. Was Frau Käßmann sagt, ist typisch evangelisch. Dies so zu sagen, ist ihr gutes Recht. Ihre Position unterscheidet sich aber wesentlich von der katholischen Sicht und ist insofern noch nicht ökumenefähig.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht der nächste Schritt im Dialog mit der evangelischen Kirche?
Ein großer Schritt ist vor allem die gemeinsame Erklärung zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Katholischen Kirche zu Grundfragen der Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg gewesen. In dieser Erklärung ist auch festgehalten, dass die Konsequenzen für das Kirchenverständnis noch nicht geklärt sind. Deshalb habe ich den Vorschlag gemacht, dass wir zu einer neuen gemeinsamen Erklärung zu Kirche, Eucharistie und Amt unterwegs sein sollten. Das wäre ein großer Fortschritt, weil hier noch die größten Differenzen liegen. Ich stelle dankbar fest, dass einzelne regionale Dialoge diese Fragen aufgegriffen haben. Zum Beispiel hat der Dialog in Amerika bereits ein Dokument zu dieser Thematik erarbeitet. Auch der Dialog in Finnland konzentriert sich ganz auf diese Fragen.

Im Raum steht die Frage, ob Papst Franziskus nicht doch 2017 zum Reformationsgedenken nach Deutschland kommt. Ist das noch möglich?
Das Reformationsgedenken, das wir geplant haben, findet Ende Oktober 2016 im schwedischen Lund statt, und zwar aufgrund einer Absprache mit dem Lutherischen Weltbund. Dieser hat betont, dass das Reformationsgedenken keine allein deutsche Angelegenheit mehr ist, sondern eine universale. Von daher entstand der Vorschlag mit Lund, der im Konsens angenommen worden ist.

Aber natürlich würde eine hohe Symbolik mitschwingen, wenn Papst Franziskus einen ökumenischen Gottesdienst in Wittenberg, der „Geburtsstätte“ der Reformation, feiert.
Das Reformationsgedenken mit den Lutheranern findet, wie gesagt, in Lund statt. Von daher könnte man auch argumentieren, dass es auch andere Zweige der Reformation in Deutschland und vor allem in der Schweiz gibt, wohin Papst Franziskus auch eingeladen worden ist.

In Österreich leben heute schon 400.000 orthodoxe Christen. Doch wenn wir im Alltag von Ökumene sprechen, ist meist der Dialog mit den Evangelischen gemeint. Haben wir da etwas übersehen?
Die Situation in Österreich kann ich nicht genau beurteilen. Ganz generell gesprochen habe ich den Eindruck, dass man der vielfältigen Realität der Ökumene heute noch zu wenig Rechnung trägt. Ich denke dabei auch an die orientalisch-orthodoxen Kirchen, die in Europa meines Erachtens noch zu wenig im ökumenischen Bewusstsein präsent sind.

Papst Franziskus baut die Vatikanische Ämterstruktur um. Was erwarten Sie von der Kurienreform für den von Ihnen geleiteten „Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen“? 
Es wurden bisher noch keine Gespräche mit uns geführt, ob der Rat in eine neue Konzeption eingegliedert sein wird. Ich gehe eigentlich davon aus, dass er in seiner bisherigen Form bestehen bleibt.

Sie sind Mitglied der Glaubenskongre­gation: Hat Papst Franziskus das Dokument „Amoris Laetitia“ über Ehe und Familie bewusst offen gelassen für Interpretationen in den sogenannten irregulären Situationen – Stichwort wiederverheiratete Geschiedene? Der Papst sagt ausdrücklich, dass er keine neuen rechtlichen Bestimmungen geben, sondern die Fragen mit einem seelsorgerlichen Blick angehen will, wobei angesichts der unterschiedlichen Situationen der Menschen die geistliche Unterscheidung wesentlich ist.
Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, wenn Bischofskonferenzen „Amoris Laetitia“ so verschieden interpretieren, dass die eine die Türe für den Sakramentenempfang für geschiedene Wiederverheiratete für offen, die andere sie für weiterhin geschlossen erklärt. Dann entsteht unter den Gläubigen eine große Unsicherheit, die überwunden werden muss.
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