"Ristuules - in the crosswind", der Film von Martti Helde, ist ein Meisterwerk
Ausgabe: 2016/27
05.07.2016
- Markus Vorauer
Gleich vorweg: Martti Heldes Regiedebüt „Ristuules – In the crosswind“ ist der innovativste Film der letzten Jahre. Nur wegen der „Scope100“-Initiative des Stadtkinos Wien, bei der 100 Filmbegeisterte einen Lieblingsfilm wählen können, wird „Ristuules“ nun glücklicherweise in ausgewählten Kinos des Landes präsentiert. Helde wurde zu diesem Film von seinem Großvater angeregt, der als Zeitzeuge für eine lange verdrängte Episode aus der Geschichte Estlands auftrat.
Ethnische Säuberung
Am 14. Juni 1941 wurden ohne Ankündigung tausende Personen in Estland, Litauen und Lettland aus ihren Häusern vertrieben. Ohne Prozess wurden die Männer in Gefängnisse geschickt, die Frauen und Kinder aber nach Sibirien deportiert. Zweck dieser „außergewöhnlichen“ Aktion, die von Stalin befohlen worden war, war die ethnische Säuberung der baltischen Staaten. Die Estin Erna, glücklich verheiratet, Studentin und Mutter einer Tochter, kommt in ein Arbeitslager nach Sibirien. Die Zeit gewinnt für sie dort eine andere Dimension. Während der anstrengenden Arbeit versucht ihr Geist, eine neue Freiheit zu finden. Die besteht darin, ihrem Mann, der im Gefängnis ist, Briefe zu schreiben, in denen sie das vergangene Glück festzuhalten gedenkt.
Lebendes Bild
Erstaunlich ist, wie Helde das Zeitempfinden von Erna, für die das Verfassen der Briefe zur Überlebensstrategie wird, filmisch umgesetzt hat. Von den unzähligen Briefen Deportierter, die Helde während seiner Recherche in Archiven gesichtet hat, blieb ihm ein Brief besonders in Erinnerung, in dem eine estnische Frau schrieb: „Hier in Sibirien fühle ich mich, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“ Diese Aussage führt zu der waghalsigen Idee, den Film in Form von „tableaux vivants“ (französisch für „lebendes Bild“) zu gestalten: Helde wählt wie in einem Stationendrama einige besondere Momente aus dem Lebensweg von Erna (die Idylle vor der Deportation, die Trennung von ihrem Mann, die Qualen im Arbeitslager, der Verlust des Kindes, aber auch die Hoffnungen) und hält diese fest, indem er die Bewegungen der Schauspieler einfriert. Währenddessen durchdringt die Kamera in langsamen, komplizierten Plansequenzen (also ohne Schnitt) das Geschehen für den Zuschauer fast analytisch. Begleitet werden diese Kamerafahrten von einer Stimme aus dem Off. Sie gibt die Briefe von Erna in einer seltsam poetischen Weise wieder, was zu einem starken Kontrast zu den dramatischen Vorgängen auf der visuellen Ebene führt. Das Sounddesign wird dadurch, dass man nicht das sieht, was man hört, zu einer wichtigen Erzählebene im Film.
Ein Liebesfilm
Bemerkenswert an Heldes Film ist aber, dass man trotz der Drastik des Themas als Zuschauer nicht deprimiert aus dem Kino kommt, weil Helde seine Geschichte, wie er nachdrücklich betont, als Liebes- und Familienfilm konzipiert hat. Die bedingungslose Liebe dieser Frau, die nie den Glauben an ein Wiedersehen mit ihrem Mann verloren hat, lässt niemanden kalt.