Es ist schwer, ein guter Christ zu sein – denken wir und seufzen, denn wir fühlen uns überfordert mit dem Gebot der Nächstenliebe. Wir wären zwar gern wie der gute Samariter, aber der Alltagsstress und Sachzwänge lassen oft keinen Freiraum für die Achtsamkeit für die Not der Menschen rund um uns zu. Oder ist es, weil wir halt einfach egoistisch auf die Welt kommen? Die Hirnforschung verneint diese Frage und brachte andere erstaunliche Erkenntnisse zu Tage: Sechs Monate alten Babys wurden drei kleine Filmsequenzen gezeigt: ein kleines gelbes Männchen klettert einen Berg hinauf und schafft es nicht. Dann kommt ein grünes Männchen und hilft ihm, ganz hinauf zu kommen. In der dritten Sequenz erscheint ein blaues Männchen, welches das gelbe den Berg hinunter stößt. Als ihnen die drei Männchen vorgelegt wurden, wählten alle Babys im Alter von sechs Monaten, was ihnen am besten gefiel: den Unterstützer und Helfer. Die solidarische Haltung scheint uns also angeboren. Sie liegt uns nahe und macht uns glücklich. Genau das lesen wir in Dtn 30,10-14. Doch warum sieht die Realität anders aus? Die Studie mit den Babys wurde sechs Monate später wieder durchgeführt und siehe da: bei den Einjährigen wählten nun 10 bis 20 Prozent das blaue Männchen, also den Runterstoßer. Sie hatten in der Zwischenzeit gelernt, dass die Erfolgreichen in Systemen oftmals brutal sind und sich auf Kosten anderer durchsetzen.
Als Mutter und Pädagogin lerne ich daraus: Wir dürfen nicht aufhören, soziale Räume zu schaffen, in denen Solidarität, das Einander-Unterstützen der höchste Wert ist. Das beginnt in der Familie und reicht von den Kindergärten bis in die Schulen. Kinder müssen erleben, dass ihre angeborene Hilfsbereitschaft gefördert und anerkannt wird. Sie müssen Unterstützung erfahren. Nur so werden sie „gottglücklich“, nur so können wir die Zukunft dieser Welt sichern.
Spurensuche
Wenn auch mir solidarisches Handeln angeboren ist: wann und wo lebe ich es? Welche konkrete Geschichte aus der letzten Zeit fällt mir dazu ein?
Dr. Silvia Habringer-Hagleitner ist Relegionspädagogin und leitet das Institut für Religionslehrer/innen an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Sie erreichen die Autorin unter sonntag@koopredaktion.at
Das Wort Gottes überfordert nicht. Es ist ganz nah zu finden. Es begegnet einem zum Beispiel im Nächsten, der auf dem Weg zu finden ist – und Hilfe braucht.
1. Lesung
Deuteronomium 30, 10–14 (Mose sprach zum Volk:) Er wird dir Gutes tun, wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst und auf seine Gebote und Gesetze achtest, die in dieser Urkunde der Weisung einzeln aufgezeichnet sind, und wenn du zum Herrn, deinem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurückkehrst. Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest:
Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.
2. Lesung
Kolosser 1, 15–20 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.
Evangelium
Lukas 10, 25–37 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?
Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!