Im Blaumann-Overall mit Zollstab und Scheinwerfer ausgerüstet war der angehende Kunsthistoriker Jürgen Wurzer monatelang in luftiger Höhe unterwegs. Fast 70 Dachwerke von oö. Filialkirchen hat er gemeinsam mit seinem Vater Kurt vermessen und ein eigenes Universum entdeckt. Ein Lebensprojekt.
Ausgabe: 2016/28
12.07.2016
- Elisabeth Leitner
Ankunft in Pesenbach. Das Wetter ist wechselhaft, zuviel Sonne würde die Arbeit ohnehin nur erschweren. Heiß ist es schnell dort, wo die beiden hinwollen. Metallkoffer mit Rollmeter, Zollstab, Winkelmesser, Bleistift und Notizheft zählen zu den Arbeitsunterlagen. Ein Laserdistanzgerät, Kabelroller und Scheinwerfer dürfen beim Gang nach oben nicht fehlen. Jürgen Wurzer und sein Vater Kurt haben sich für heute die Vermessung von zwei Dachwerken vorgenommen.
Ein Lebensprojekt
Der Schlüssel für die jeweilige Filialkirche liegt oft beim nächsten Bauernhof, Personal gibt es nicht vor Ort. Für jede Besteigung hat sich der Student eine Vollmacht geholt. Zwei Jahre Vorbereitungszeit waren insgesamt notwenig, um die Expedition „Dachwerkskataster“ beginnen zu können. Wurzer war oft der erste, der nach Jahrzehnten ein Dachwerk betreten hat. 100 Dachwerke hat er zunächst im Schnelldurchlauf besucht und fotografiert, bevor er in einem zweiten Schritt 69 ausgewählt, vermessen und fotografiert hat. Geworden ist daraus „mein Lebensprojekt – und eine Masterarbeit“, sagt Wurzer rückblickend.
Universum in Pesenbach
Am Dachboden in der Filialkirche Pesenbach erwartet die beiden Staub, Schmutz und Dunkelheit. Ein Baustellen-Scheinwerfer erhellt plötzlich das gesamte Dachwerk – ein Universum offenbart sich: ein Geflecht aus kolossalen, geschossübergreifenenden Andreaskreuzen, Spitzsäulenverstrebungen, Schwellen, Rahmen, Säulen, Abbundzeichen mit teils nicht identifizierten Botschaften. Das außen mit Eternitschindeln abgedeckte Satteldach hat eine Neigung von 65 Grad. Das Langhausdachwerk ist 9 Meter breit, 23 Meter lang und 9,8 Meter hoch. Der Fachbegriff für diese Art der Konstruktion nennt sich Kehlbalkendach. Die Kirche wurde urkundlich erstmals 1395 erwähnt, die Entstehung des Langhauses wird um 1300 angenommen. Der Chor und sein Treppenturm sind im Zuge eines Umbaus um 1480 entstanden. Daher findet man zwei unterschiedliche Dachwerke, die auf die verschiedenen Bauzeiten zurückgehen dürften. Das Dachwerk der Filialkirche Pesenbach war schwierig zu vermessen, erinnert sich Jürgen Wurzer: „Es ist nicht mit Laufdielen ausgestattet. Wir mussten auf den Balken balancieren“. Ohne Kletterausrüstung durchaus eine Herausforderung, wie sich zeigte. Wurzer hat vor Ort von allen Dachwerken Skizzen angefertigt und seine Beobachtungen auf Tonband aufgenommen.Wie in Pesenbach wurden bei der Vermessung auch Schäden sichtbar, die sonst erst auffallen, wenn das Gemäuer feucht wird oder Risse bekommt. Im Sinne der Erhalter wäre es von Vorteil, wenn die Dachwerke grundsätzlich begutachtet und vermessen würden, meint Wurzer. Nur teilweise erfasst sind etwa die Pfarrkirchen in Oberösterreich. Hier gäbe es ein großes Feld für weitere Vermessungsarbeiten. Die Arbeiten für die Masterarbeit sind vollendet, die Faszination ist geblieben und auch die Bereitschaft, hier weiter zu forschen – und durch ausgewählte Dachwerke zu führen.
Dachwerkskataster der oö. Filialkirchen
Anlass für diese Vermessungsarbeiten gab das Studium der Kunstwissenschaften an der Katholischen Privatuniverisität Linz – und die zu erstellende Masterarbeit. Sie trägt den Titel „Dachwerkkataster der oberösterreichischen Filialkirchen“. Die meisten Dachwerke sind vor dem 18. Jahrhundert entstanden, 90 Prozent der Dachwerke sind als historisch einzustufen. Jürgen Wurzer bietet bei Bedarf auch Führungen an.