Sie habe alles ihrem Ziel untergeordnet, ihr gesamtes Leben, und auf vieles verzichtet, erzählte die junge Sportlerin vor der Olympiade. Die ganze Familie war involviert: tägliches Training, Reisen zu Wettkämpfen, Sportausrüstung – Zeit und Ressourcen aller seien in den Sport gegangen. Und dann war sie da, die Olympiade, die Erfüllung eines Traums. Jesus nachzufolgen ist kein sportlicher Wettkampf. Insofern ist ein Vergleich zwischen Sport und Nachfolge Jesu gewagt. Dennoch ist etwas von der Einstellung eines Spitzensportlers, einer Olympiasiegerin im Evangelium dieses Sonntags enthalten. Spitzentalente wissen, was ihnen im Moment das Wichtigste im Leben ist, was sie unbedingt möchten – und dann setzen sie sich konsequent und mit großem Engagement für dieses Ziel ein. So radikal und ernst benennt auch Jesus in diesem Abschnitt des Evangeliums die Bedingungen für seine Nachfolge. Zunächst bedeutet die Entscheidung für ihn, dass alle anderen Bindungen zu Besitz und zu Menschen nachgereiht werden, in letzter Konsequenz sogar die Beziehung zum eigenen Leben. Sich auf Jesus zu berufen, bedeutete zur Zeit der ersten Christengemeinden, dass Familien gespalten wurden, und brachte unter Umständen den Tod. Sich heute auf Jesus einzulassen, heißt immer wieder, ihn radikal an die erste Stelle im eigenen Leben zu setzen, vor allem anderen. Jesus ist aber nicht blauäugig. Er weiß, wie anspruchsvoll sein Weg ist und dass wir scheitern können. Deswegen fordert er uns zum Gebrauch unserer Vernunft auf und im Vorfeld gut zu überlegen, wofür wir uns entscheiden. Diese scharfen Bedingungen sind dennoch nicht einfach eine Sammlung von Regeln für unser Christsein. Vielmehr sind sie ein starker Appell und ein Korrektiv, um neu über die Radikalität unserer Berufung nachzudenken.
Zum Weiterdenken
„Um erlöst zu werden, müssen wir uns von vielem lösen.“ (Walter Ludin, Kapuziner)
Woran hängt mein Herz? Und wovon kann ich, möchte ich mich lösen, um frei zu sein für das Wichtigste in meinem Leben?
Seine Forderungen sind radikal – aber Jesus macht uns auch deutlich, dass es nicht um den Ausstieg aus dieser Welt geht. Wer sich ihm anschließt, kann sich nicht in die Kuschelecke menschlicher Beziehungen flüchten, nicht die Signale auf Sicherheit stellen, nicht Besitz, Selbstbestimmung oder Privatleben über alles stellen und sich damit zufrieden geben. Er wird nicht aussteigen, sondern umsteigen in das Boot, das durch die Höhen und Tiefen dieser Welt segelt und von der Sehnsucht nach Gott angetrieben wird.
1. Lesung
Weisheit 9, 13–19 Denn welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen, oder wer begreift, was der Herr will? Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und hinfällig unsere Gedanken; denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen Heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht, und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet.
2. Lesung
Philemon 9b–10. 12–17 Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. [...] Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst!
Evangelium
Lukas 14, 25–33 Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.