Eigentlich hätten die „letzten Gespräche“ Benedikts XVI. mit Peter Seewald Grundlage für eine Biografie sein sollen. Stattdessen ist wieder ein Interview-Buch entstanden – zum Glück.
Ausgabe: 2016/37
13.09.2016
- Heinz Niederleitner
Das Buch beginnt mit dem Ereignis, das selbst die größten Kritiker des deutschen Papstes als historisch bezeichnen müssen: dem Papstrücktritt. Dann gehen Seewald und Benedikt XVI. das ganze Leben von Joseph Ratzinger durch: von der Kindheit über die Zeit als Professor, Erzbischof und Chef der Glaubenskongregation bis zum Papstamt und zu seinem heutigen Leben als „Mönch“ im Vatikan. Was die äußeren Fakten betrifft, erfährt der Leser nicht viel Neues. Es gibt zum Teil Persönliches, das bislang kaum bekannt war, zum Beispiel, dass Benedikt XVI. am linken Auge erblindet ist. Was das Buch aber jedenfalls interessant macht, ist die Art, wie der emeritierte Papst auf die Fragen antwortet.
Selbstkritik
„Vielleicht bin ich ja tatsächlich nicht viel genug unter den Menschen gewesen“, sagt er zum Beispiel, wenn er über seinen kontaktfreudigen Nachfolger spricht. Wenig überrascht die Aussage, dass ihm der politische Teil des Papstamtes am schwersten gefallen sei. Selbstkritik kommt immer wieder vor, betrifft aber nicht unbedingt die Themen, die Benedikts Kritiker stets nennen. Eine Ausnahme ist die Regensburger Rede mit dem missverständlichen Zitat über Mohammed: Er habe „die politische Bedeutung des Vorganges nicht richtig eingeschätzt“, räumt Benedikt XVI. ein. Aber bei der Aufhebung der Exkommunikation im „blödsinnigen Fall Williamson“ (Zitat Benedikt XVI.), der sich als Holocaustleugner entpuppte, sieht er die Schuld bei der zuständigen Vatikan-Abteilung. Zufrieden sagt der emeritierte Papst, er habe bei der Reform der Vatikanbank „ziemlich was getan“. Er betont sein Vorgehen gegen Missbrauchsfälle. Seine Kritik an bestimmten Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hält er aufrecht.
Humor
Davon abgesehen zeigt sich der emeritierte Papst meist zurückhaltend, bescheiden und humorvoll – auch stark gerührt, wenn er vom Tag des Abschieds aus dem Papstamt spricht. Mit Gott sei er im Reinen, sagt er. Gegen Ende des Buches heißt es: „Als Gescheiterten kann ich mich nicht sehen.“ Und doch gibt es offenbar auch unbereinigte Konfliktlinien: Benedikt XVI. spricht von „theologischen Nichtfreunden in Deutschland“ und kritisiert einen „etablierten und hochbezahlten Katholizismus“ dort. Bitter sagt er: „Aber bestimmte Leute in Deutschland haben immer schon versucht, mich abzuschießen.“
Das Buch ist lesenswert, weil es ermöglicht, den Menschen Joseph Ratzinger aus der Nähe zu sehen. Verzichtbar wäre aber das Vorwort des Interviewers Seewald gewesen, das in dem Aufruf gipfelt, die Heiligkeit Benedikts XVI. zu würdigen. Ein guter Biograf bräuchte eindeutig mehr kritische Distanz. Deshalb ist es gut, dass das Buch keine Biografie wurde.