Rechenschwäche tritt bei Kindern ebenso häufig auf wie die Lese- und Rechtschreibschwäche. Früherkennung und gezielte Förderung sind notwendig, sonst werden die Defizite zu einem gravierenden Problem.
Ausgabe: 2016/37
13.09.2016
- Brigitta Hasch
Besondere Schwierigkeiten beim Erfassen von Zahlen und Mengen werden als Dyskalkulie bezeichnet. „Genau genommen ist es eine Rechen-Erwerbsschwäche. Betroffene Kinder sind zählende Rechner. Probleme bereiten ihnen etwa die Zehnerüberschreitung, Divisionen, das Erlernen der Einmaleins-Reihen oder der Uhr“, sagt Gabriele Raffetseder-Amesberger. Sie ist ausgebildete Dyskalkulietherapeutin und begleitet seit acht Jahren Kinder, die Probleme mit Zahlen haben.
Früherkennung
Mathematische Fähigkeiten und erste Einsichten in den Zahlbegriff entwickeln sich weit vor dem Schulbeginn. Die Zahlwortreihe wird zu Beginn auswendig gelernt wie ein Gedicht. Im Alter von etwa 3 ½ Jahren beginnen Kinder Gegenstände zu zählen. Sie erfassen eine Menge, ordnen den Dingen eine Zahl zu und erlernen, eine Gesamtmenge zu erfassen. Bereits im Vorschulalter kann man rechenschwache Kinder erkennen. Im Alltag vermeiden sie zum Beispiel Zahlwörter und Vergleiche (mehr/gleich viel/weniger oder kleiner/größer). Dabei geht es in diesem Alter noch nicht ums Rechnen, sondern um das Erfassen von Mengen und um die Entwicklung der Zählfähigkeit. In dieser Phase kann man die Kinder mit Spielen fördern, etwa mit Würfel- oder Brettspielen. Weitere lustige Kinderspiele, die ein Zahlengefühl stärken: - „Kaiser, wie viel Schritte darf ich gehen?“, - Prellball (oder Zehnerln), - Tempelhüpfen, - Ball zuwerfen und dabei zählen, - Nüsse oder Kastanien zählen - einfache Zählreime.
Schulkinder
Mit Schulbeginn haben Kinder meist ein gut ausgebildetes Mengenverständnis. In der Folge bleiben sie nicht im Zählen verhaftet, entwickeln ein Verständnis für das Stellenwertsystem und erkennen analoge Aufgabenstellungen (z.B. 5 + 3 und 45 + 3). Auch für den Alltag wichtige Überschlagsrechnungen (41 + 88 ergibt ungefähr 40 + 90) sind bald kein Problem. Rechenschwache Kinder hingegen haben es ungleich schwerer, zu Ergebnissen zu kommen. Ohne Verständnis für Mengen und die Zehnerstruktur in unserem Zahlensystem müssen sie immer wieder ihre Finger zum Abzählen heranziehen. Dadurch sind sie langsamer, machen mehr Fehler und sie erkennen auch keine unmöglichen Ergebnisse, beispielsweise 30 – 2 = 38.
Diagnose und Therapie
Dyskalkulie hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Die Therapie richtet sich nach dem Alter des Kindes und der Ausprägung der Rechenschwäche. „Wichtig ist, dem Kind mit einfachen Materialien zu veranschaulichen, wie man zu einem Ergebnis kommt. Gezielte Fragen regen an, über den Rechengang nachzudenken“, erklärt Raffetseder-Amesberger einen wichtigen Teil ihrer Therapiearbeit. Sie unterscheidet drei Schritte: - Erarbeiten: Dazu werden spezielle Materialien sowie grafische Darstellungen zur Veranschaulichung der (Rechen-)Handlungen eingesetzt. - Verinnerlichen: Durch sprachliche Begleitung der Rechenhandlungen wird eine zunehmende Verinnerlichung gefördert. - Automatisieren: Zielgerichtetes Üben und Geduld sind nötig. Nicht nur in den Therapiestunden, auch daheim können die Kinder trainieren. „Zehn Minuten am Tag genügen, aber das regelmäßig“, so die Empfehlung.
In der Schule
Der Mathematikunterricht ist normalerweise ergebnisorientiert. Rechenschwache Kinder fallen daher häufig zu spät auf. Umso mehr sollten betroffene Eltern den Kontakt zu den Lehrpersonen nicht scheuen und das Problem offen ansprechen. Verständnis und Rücksichtnahme sind wichtig und würden den Druck von den Kindern nehmen.
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