Maria Fellinger-Hauer bespricht neue Bücher von Egyd Gstättner und Marianne Jungmaier. Aus der Reihe Literarische Neuerscheinungen in der KirchenZeitung.
Ausgabe: 2016/38
20.09.2016
Kreativitätswirtschaft und Qualitätsmanagement, Worst-Case-Szenario und Zentralmatura. Das sind nur ein paar Beispiele für moderne Worthülsen, die mit Inhalten gefüllt eine neue Gesellschaftsordnung schaffen. Oder dachte irgend jemand an die mögliche Funktion des eigenen Kleinkindes als Sportgerät, ehe von Childrening die Rede war? Anhand solcher Wörter macht Egyd Gstättner sich seine Gedanken zu Alltagsdingen und (ge-)wichtigen Lebensfragen und er entlarvt dabei pointiert und witzig den Zeitgeist und dessen Folgen. Manchmal bitterböse, manchmal zum Schreien komisch, immer zum Nachdenken anregend. Ein besonderes Lesevergnügen für alle, die die Sprache lieben und an ihre Wirkmächtigkeit glauben.
Egyd Gstättner, Karl Kraus lernt Dumm Deutsch. Oder: Neue Worte für eine neue Welt, Wien 2016, Picus.
In zehn Erzählungen führt die junge – 1985 in Oberösterreich geborene – Autorin ihre Protagonistin in die unterschiedlichsten Weltgegenden. Sie verliebt sich in Indien, feiert in der kalifornischen Wüste, überschreitet Grenzen in Brasilien. Sie besucht in London Bekannte und sucht die Einsamkeit in Schottland. Mit einer Freundin fährt sie nach Venedig und mit ihrer Mutter nach Island. Dabei geht es nicht um Sehenswürdigkeiten, weniger um die Orte an sich, sondern um die Begegnungen mit den Menschen und darum, was das Reisen im Reisenden auslöst und bewirkt. Dass dieser Funke, der innere Bilder und Befindlichkeiten erzeugt, auf die Leserin überspringt, gelingt Marianne Jungmaier in den meisten der zehn Erzählungen durch eine schöne, bildhafte Sprache, die die jeweilige Stimmung sehr gut trifft. Marianne Jungmaier, Sommernomaden. Stories, Wien 2016, Kremayr & Scheriau. Die Autorin ist am 8. 11. 2016 im Stifterhaus zu Gast.