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Wieweit ist Österreich ein Missionsland?

Versuch einer Antwort auf das Ende der „Volkskirche“ und den „pastoralen Notstand“
Ausgabe: 2008/03, Missionsland, Volkskirche, Notstand, Baumgartner, St. Virgil, Mission, Gerechtigkeit, Seelsorgeräume, Fakten, Notversorung, Kirche, Mission
16.01.2008
- Hans Baumgartner
„Die Volkskirche, wo es selbstverständlich war, katholisch zu sein, geht unwiderruflich zu Ende“, sagt die Pastoraltheologin Regina Polak. Ist „Mission“ darauf eine Antwort? Danach fragte vergangene Woche die Österreichische Pastoraltagung in St. Virgil.

Ist Österreich ein „Missionsland“? „Ja und Nein“, sagt darauf die Theologin Regina Polak. Ist „missionarisches Handeln“ eine zukunftsfähige Antwort auf die sich verändernde „Glaubenslandschaft“ oder auf den sich zuspitzenden „pastoralen Notstand“? „Das hängt davon ab, was wir unter Mission verstehen und wie wir die Zeichen der Zeit deuten“, betont Polak im Kirchenzeitungsgespräch.

Auf den Blick kommt es an. „Wenn ich davon ausgehe, dass da nichts mehr da ist bei den Leuten, dass für sie Glaube und Religion weitgehend ihre Bedeutung verloren haben, dass die Österreicher/innen gottlos geworden sind – und dass wir ihnen deshalb Gott wieder bringen müssen: Dann ist das eine Position, die zwar zunehmend, auch in höheren Kirchenkreisen, vertreten wird, die aber dennoch falsch ist“, meint Polak. In diesem Sinne sei Österreich kein „Missionsland“, denn der Glaube, wenngleich ein recht vielfältiger, aber dennoch immer noch stark christlich geprägter, habe im Leben der Österreicher/innen nach wie vor eine wichtige Bedeutung (s. Fakten). Und auch bei den jungen Leuten, wo der Glaube im normalen Alltag wenig Rolle spiele und der Gott, an den sie glauben, sehr vage ist, könne man nicht sagen, die seien gottlos und wir müssen sie jetzt „missionieren“. Nichts hält Polak auch von einer „Mission“, die davon ausgeht, „dass wir den richtigen und fertigen Glauben haben, den wir nur in einer möglichst attraktiven Verpackung an die Frau und den Mann bringen müssten. Dann würden sie sie es schon kapieren.“ Missionarisches Handeln verlange vielmehr, „dass wir uns vom Leben und Glauben jener anfragen, ja verwandeln lassen, denen wir die Botschaft von der Freundschaft des liebenden Gottes vermitteln wollen“, betont Polak. Es komme darauf an, genau hinzuschauen und die Spuren Gottes in der Wirklichkeit der Menschen zu entdecken und sie mit der christlichen Tradition und dem Evangelium in Verbindung zu bringen. In diesem Sinne sei Österreich natürlich ein „Missionsland“ – und zwar ein permanentes.

Mission und Gerechtigkeit. „Österreich ist auch in einem weiteren Punkt ein Missionsland“, betont Polak. Im Sinne des Lehrschreibens „Evangelii nuntiandi“ (Paul VI.) gehöre es zum Wesen der Mission, die Frohbotschaft in alle Lebensbereiche zu bringen und Leben und Glauben von innen heraus im Geiste des Evangeliums so zu gestalten, dass für alle Menschen ein gutes Leben möglich ist. „Deshalb ist die Frage nach der Gerechtigkeit von entscheidender Bedeutung für die Mission – auch im reichen Österreich. Denn hier geht es nicht um einen Randbereich, sondern um den Kern der Vision Jesu vom Reich Gottes, das schon jetzt und hier angebrochen ist, ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens.“ In Österreich sei es mit der gelebten Solidarität, besonders im Nahraum Familie, Nachbarschaft oder Pfarre, ganz gut bestellt, meint Polak. „Erhebliche Defizite aber haben wir, wenn es darum geht, gegen ungerechte Strukturen politisch anzukämpfen.“ Polak nennt ein Beispiel: Da organisiert eine Pfarre, weil sie das Problem erkennt, einen Sprachkurs für Migrantenkinder. Sie geht aber nicht zum Stadtschulrat, um endlich den Missstand im Bezirk abzustellen, dass fast alle Migrantenkinder in einer Schule konzentriert und damit sprachlich benachteiligt werden. Dasselbe könnte man auch für Pfarren anführen, die sich für arbeitslose Jugendliche oder für Behinderte einsetzen. „Als Christ/innen und als Kirche haben wir in Österreich ein missionarisches Defizit, wo es um den politischen Einsatz für mehr Gerechtigkeit etc. geht. Da wird – auch von der Kirchenleitung – oft die Caritas allein vorgeschickt“, meint Polak. Es sei bedauerlich, dass ein Dokument wie das Sozialwort der Kirchen so wenig eingesetzt werde.

Gemeinsamer Lernweg. Entscheidend für missionarisches Handeln sei auch das Bewusstsein, „dass es eigentlich Gott ist, der Mission betreibt und alle Menschen in seine Heilsgemeinschaft hineinholen möchte“, betont Polak. „Das bewahrt uns davor, von oben, von einer vermeintlich überlegenen Position herab aus ,Suchenden‘ ,Bekennende‘ machen zu wollen. Denn in Wahrheit stehen wir alle mitten in einem Prozess der Heilung, der Neu-Schöpfung und Erlösung. Wenn wir uns aus dieser Sicht als Christ/innen und als Kirche gemeinsam mit den religiös Suchenden auf einen Lernweg einlassen, um mehr von Gott zu verstehen, um ihn mehr lieben zu lernen und die Welt für alle ein Stück lebenswerter zu machen, dann ist Mission geradezu eine Pflicht“, meint Polak. Und das umso mehr, als mit dem Ende des Modells „Volkskirche“ auch eine Neuorientierung der Pastoral nötig sei.

Die Chance sehen. Wir sollten die Tatsache, dass sich heute immer mehr Menschen nicht aus „Tradition“, sondern aus freien Stücken und aus guten Gründen für einen christ-lichen Lebensweg entscheiden wollen (oder auch nicht), als Chance sehen, meint Polak. „Lassen wir uns auf diese Lernwege ein, wissend, dass Glaube zuerst von Gott geschenkt ist“, meint Polak und formuliert folgende konkrete Schritte:
- Lernprozesse zur spirituellen Vertiefung des Glaubens und Bildungprozesse, damit wir unseren Glauben in einer pluralen weltanschaulichen Landschaft argumentieren können.
- Die Sorge um die Gerechtigkeit im praktischen Alltag ebenso wie im gesellschaftspolitischen Tun als „Ernstfall“ der Verkündigung.
- Die Bildung von vielen kleinen Gemeinschaften als Praxisorte des Glaubens;
- Das Wiederentdecken des missionarischen Eros (wofür brenne ich?)

Notversorgung. Polak warnt, die pastorale Planung unter die Leitidee zu stellen, wie kann ich das Bestehende mit immer weniger Priester und weniger Geld bestmöglich aufrechterhalten. „Da werden die Priester ebenso zerbröseln wie die Gemeinden. Unsere Planung muss davon ausgehen: Was brauchen die Menschen in diesem Raum vorrangig. Was ist unsere Vision aus dem Evangelium dazu. Welche Aufgaben stellen sich daraus und welche Ziele haben wir. Was können wir mit unseren Charismen – vor allem auch der Laien – umsetzen und wer übernimmt wofür Verantwortung?“ Daraus, so ist Polak überzeugt, können neue missionarische Weg- und Lerngemeinschaften wachsen, die in ihrem Gottvertrauen auch den Mut zur Lücke haben.




Fakten & Daten

- Der „Religionsmonitor 2008“, eine in 21 Ländern durchgeführte Studie der Bertelsmann-Stiftung, weist Österreich als überdurchschnittlich religiöses Land aus. 72 Prozent der Österreicher/innen werden als religiös, 20% sogar als „intensiv religiös“ eingestuft. Für 56% ist Beten wichtig, 57% orientieren sich an religiösen Geboten; für 56% ist Glaube für die Kindererziehung wichtig und 50% sagen, er ist relevant für die Paarbeziehung. Der christlich geprägte Glaube hat immer noch eine erhebliche Alltagsrelevanz, sagt die Religionsforscherin Regina Polak.

- Anders sieht die Situation bei den Jugendlichen aus. Zwar ist der Glaube an Gott (der mich liebt, wenn es ihn gibt …) mit 69% deutlich angestiegen; religiös (im Alltag praktizierend) sind allerdings nur mehr 32% (minus 20% seit 1990) (Jugendwertestudie). lntensiv-religiös sind 5%.




Lebendige Seelsorgsräume

Wenn die Bildung von Seelsorgsräumen nicht bloß ein Notprogramm zur pastoralen und sakramentalen Versorgung sein soll, sind folgende Dinge nötig, sagt Polak:
- genügend religiös gebildete und spirituell tiefe Laien, die in der Lage sind, kleine Gemeinschaften zu gründen und zu begleiten,
- sichtbare geistige und spirituelle Zentren, um Lernprozesse zu begleiten und um Suchenden eine Andockstelle zu bieten;
- Schwerpunktbildung in den Gemeinden nach den vorrangigen Bedürfnissen der Menschen und den vorhandenen Charismen sowie Vernetzung der Gemeinden, um so ein buntes Angebot an Wegen und Heimat zu bieten.

Kirche und Mission

„Missionarisch Kirche sein“ war das Thema der diesjährigen Österreichischen Pastoraltagung vom 10. bis 12. Jänner. Mit 330 Teilnehmer/innen aus Österreich und den Nachbarländern war das Interesse überaus rege. Eine Fülle von praktischen missionarischen Initiativen stellten die 17 Workshops vor – von den Erfahrungen mit der Aktion „offener Himmel“ (Salzburg) bis zur europäischen Stadtmission, von der neu konzipierten Gemeindemission bis zur Liturgie für Suchende.

Kardinal Christoph Schönborn stellte in seinem Schlussreferat einen Bogen vom Papstbesuch zur Pastoraltagung her. Der christliche Wahrheitsanspruch und das Bekenntnis zu Jesus sei keine Verachtung anderer Religionen oder Hochmut gegenüber Suchenden. Es gehe vielmehr um die „Ergriffenheit von dem, der uns beschenkt hat.“ Wir dürfen auf die Wahrheit nicht verzichten. Aber der Blick auf das Kind in der Krippe und auf den Gekreuzigten schließe jede Intoleranz aus, zitierte Schönborn den Papst.

Kritisch mit dem eurozentrischen Missionsverständnis setzten sich die Theologen Arnd Bünker (Münster) und Franz Weber (Innsbruck) auseinander. Weber zeigte eindrücklich auf, was wir von den Kirchen Lateinamerikas (die Option für die Armen), Afrikas (die Notwendigkeit kleiner Glaubensgemeinschaften) und Asiens (den interreligiösen Dialog) lernen können.
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