Die Wahlkampfpolemiken gegen „den Islam“ hält Elisabeth Dörler für gefährlich. „Da werden auf beiden Seiten Ängste und Spannungen geschürt. Die anstehenden Probleme aber brauchen eine ehrlich gemeinte Begegnung und sachlichen Dialog.“
Dass der Islam in ganz Westeuropa in das Schussfeld populistischer Parteien geraten sei, habe mehrere Ursachen, meint Elisabeth Dörler. Die Ängste vieler Menschen vor radikalen Islamisten würden dabei ebenso instrumentalisiert wie viele ungelöste Probleme, die mit der Zuwanderung zusammenhängen. Zu lange habe Österreich, wie andere Länder auch, ignoriert, dass „wir ein Einwanderungsland sind“. Aus diesen Versäumnissen habe sich ein brisantes Gemisch von sich überlagernden Problemen mit kulturellen, sprachlichen, sozialen und religiösen Hintergründen angestaut, meint Dörler. All diese Probleme pauschal „dem Islam“ in die Schuhe zu schieben, sei unzulässig und polemisch. „Jene, die das tun, wie zuletzt in Graz, bedienen sich der Probleme, sie wollen sie aber gar nicht lösen.“
Islam und Europa. Eines der jetzt drängenden Probleme sei, wie sich Muslime im säkularen, demokratischen und den Menschenrechten verpflichteten Europa integrieren, ohne dabei das preiszugeben, was ihnen heilig ist, meint die Islamexpertin Dörler. Diese Frage stelle sich auch deshalb so akut, weil immer mehr junge Muslime sich als Österreicher/innen fühlen. Und von da her möchten sie, dass ihre Religion nicht nur gesetzlich anerkannt ist, sondern auch im Alltag institutionalisiert wird. Da gehe es dann konkret um die Errichtung von Moscheen, von Bildungseinrichtungen oder Friedhöfen. „Und diesen Schritt vom abstrakten Gesetz zur Lebenspraxis gilt es miteinander möglichst gut zu gestalten“, fordert Dörler. Dabei sei es unerlässlich, Ängste und Vorurteile durch Begegnung – das beginnt schon beim Grüßen – abzubauen, sich gegenseitig möglichst gut zu informieren und in einem sachorientierten, geduldigen Dialog Kompromisse zu finden, die für Muslime ebenso tragfähig sind wie für die Mehrheitsbevölkerung. „Das ist ein oft mühsamer Weg, aber es ist der einzige, der in Zukunft ein gutes Zusammenleben ermöglicht.“
Dialog ist möglich. Dass es geht, „gemeinsam tragfährige Lösungen zu erarbeiten, bei der keine Seite das Gesicht verliert und niemand über den Tisch gezogen wird“, hat Dörler wiederholt erfahren. So war die Integrationsbeauftragte der Diözese Feldkirch mehrere Jahre an einem erfolgreichen Verhandlungsprozess für einen muslimischen Friedhof in Vorarlberg beteiligt. Es freut sie daher, dass es nicht nur auf Landesebene, sondern in immer mehr Gemeinden Integrationsbeiräte gebe, wo Probleme aufgegriffen und offen und ehrlich ausgeredet werden. Wichtig ist ihr dabei, dass „wir verstehen, was Muslime warum wollen, aber auch, dass diese kennen lernen, was uns wertvoll und heilig ist. Deshalb laden wir als Diözese heuer schon zum vierten Mal mit wachsender Teilnahme Muslime in eine unserer Kirchen ein, um ihnen unsere Religionskultur näherzubringen“, berichtet Dörler.
Zur Sache
Religionen sprechen mit einer Stimme
„Wer Österreich liebt, spaltet es nicht“, betonte Kardinal Christoph Schönborn beim Ökumenischen Empfang zum Auftakt der Weltgebetswoche. Ausdrücklich würdigte er dabei das von den Glaubensgemeinschaften gemeinsam erarbeitete Dokument zur Integration in Österreich als „historischen Akt, der sehr viel über das gute ökumenische interreligiöse Klima in Österreich“ sage.
„Herausforderung Integration – Überlegungen und Forderungen aus Sicht der Kirchen und Religionsgemeinschaften.“ Unter diesem Titel wurde vergangenen Freitag in Wien ein Dokument vorgestellt, das von den fünf Repräsentanten der Religionsgemeinschaften in der Integrationsplattform des Innenministeriums gemeinsam erarbeitet wurde. Die christlichen Kirchen, die Israelitische Kultusgemeinde und die islamische Glaubensgemeinschaft unterstreichen damit in einer weltweit einmaligen Form, dass sie in Fragen der Integration mit einer Stimme sprechen wollen. „Wir sehen es als gemeinsame Herausforderung“, so der evangelische Bischof Michael Bünker, „in Österreich Strukturen zu schaffen, die von Anfang an Aufnahme und Beteiligung der neu Hinzugekommenen ermöglichen“. Die Religionsvertreter fordern von den Migranten aber auch die Bereitschaft, die deutsche Sprache zu lernen und die Universalität der Menschenrechte, die demokratische Verfassung, die Religionsfreiheit und die gleichberechtigte Stellung von Mann und Frau anzuerkennen. Das Integrationskonzept der Kirchen umfasst sieben Säulen: Recht auf Familienleben, Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt, faire soziale Absiche-rung, adäquate Wohnverhältnisse, politische Teilhabe und Zugang zur Staatsbürgerschaft.