In Moskau hat er viel bewegt. Seit zwei Monaten ist er nun der „Motor“ der katholischen Kirche in Weißrussland: Tadeusz Kondrusiewicz, der neue Erzbischof von Minsk.
Nach 16 Jahren zog der Vatikan Erzbischof Kondrusiewicz aus Moskau ab. Seine Aufbauarbeit war manchen in der orthodoxen Kirche ein Dorn im Auge. Sie sahen ihn als „Konkurrenz“. Unter ihm könnte Weißrussland aber zu einer Drehscheibe der Ökumene mit der Orthodoxie werden. Die Kirche muss sich der modernen Zeit stellen, sagt Tadeusz Kondrusiewicz. Deshalb ist für ihn der Dialog mit Journalisten, Ärzten, mit staatlichen Einrichtungen, Juristen, mit Jugendlichen und vor allem mit der orthodoxen Kirche ein Muss. Während seiner 16 Jahre in Moskau hat er die Strukturen einer modernen Diözese geschaffen. Die Zahl der eingetragenen katholischen Pfarren ist von acht auf 225 gestiegen. Zu wichtigen Fragen der Zeit hat der damalige Moskauer Bischof große Konferenzen organisiert, zuletzt eine große Tagung der Bischöfe aller Staaten der ehemaligen Sowjetunion über die Caritas. „Christus zu verkündigen ist unsere Hauptaufgabe, aber die Caritas gehört zu dieser Verkündigung wesentlich dazu“, betont er im Gespräch mit der Kirchenzeitung.
Gespräch ist sein Stil. Im neuen Bischofssitz in Moskau mit einem Gästehaus und vor allem mit Konferenzmöglichkeiten wohnte Kondrusiewicz nur einen Monat. Dann kam die Berufung als Erzbischof für Minsk. Aufbauen, das wird auch hier seine Hauptaufgabe sein. Leiten durch Gespräch – das ist sein Stil. Im Moment müssen die Treffen mit größeren Gruppen noch in der kleinen Kathedrale stattfinden. Es gibt sonst keine größeren Räume. Außerhalb von Minsk befindet sich das mit Unterstützung der Caritas Linz errichtete Zentrum St. Lukas. Hier finden Mütter von krebskranken Kindern aus der Tschernobyl-Region Unterkunft während der Behandlung ihrer Kinder in der nahen Klinik. Bischof Kondrusiewicz hat mit den Müttern gesprochen. Gleich, welcher Religion sie angehören: sie sind dankbar, hätten nie erwartet, dass die Kirche so hilft. Arbeit sieht er viel vor sich. Ins Weißrussische wurden noch nicht einmal die Konzilstexte übersetzt, auch keine neueren liturgischen Bücher. Einen Sponsor dafür hat er schon gefunden. Und eine Zeitung wird man brauchen.
Gemeinsam auftreten. In Minsk kann Kondrusiewicz auf ein gutes ökumenisches Klima bauen. Er und der orthodoxe Metropolit haben sich beim jeweiligen Weihnachtsfest gegenseitig besucht – und haben dabei auch beim Gottesdienst gesprochen. Orthodoxe und Katholiken sollten nicht nur die Anliegen und Ansichten teilen, sondern diese auch gemeinsam in der Öffentlichkeit vertreten, sagt Kondrusiewicz. Die Trennung der Christen müsse überwunden werden. Konfessionen sind nicht Konkurrenten. Es ist für ihn selbstverständlich, dass die orthodoxe Kirche in katholischen Waisenhäusern Seelsorge betreiben kann. „Wir werben niemanden ab“, betont er. Für diese Woche hat Kondrusiewicz nach Minsk zu einem Ökumene-Treffen geladen. Anfang Februar wird eine Konferenz über die Situation der Familien stattfinden.
Interview
Zur Insel geworden
Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz von Minsk besuchte in der Vorwoche die Partnerdiözese Linz. Die KirchenZeitung sprach mit ihm.
In Moskau ist die Beziehung zwischen Orthodoxie und katholischer Kirche angespannt. Ist das „heilbar”? Das ist unsere Aufgabe. Das Verhältnis mit der orthodoxen Kirche in Weißrussland ist aber sehr gut. Es ist an der Zeit, dass wir zusammen in den Massenmedien auftreten, um auf die Fragen der Zeit zu antworten.
Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit mit der Caritas in Österreich? Ich möchte, dass die Caritas in Weißrussland ein bedeutender Faktor der katholischen Kirche wird. Die Menschen brauchen das Evangelium, sie brauchen aber auch Essen, Begleitung und Betreuung. Die Österreicher/innen sollen wissen, wie gut ihre Hilfe bei uns ankommt. Nur so können wir einen „Stützpunkt“ aufbauen, von dem aus wir wirken können. Wir haben nur wenige Kirchen und Pfarrzentren, in Minsk vier kleine Kirchen für 300.000 Katholiken.
Die Europäische Union boykottiert Weißrussland … Das ist keine normale Situation. Weißrussland ist politisch zu einer Insel in Europa geworden. Man muss gemeinsam Wege suchen, um die Spannungen abzubauen.