Ein verhängnisvoller Kuss, 22 Tote, eine verzweifelte Leidenschaft – das sind die Eckpfeiler in Peter Payers Film „Freigesprochen“. Ein Film über eine bedrängende Vergangenheit, über Schuld und Erlösung.
„Haben Sie schon mal beim Autofahren einen Sender gesucht, die Musik lauter gedreht, eine CD gewechselt ... und dann hochgesehen, auf die Fahrbahn? Ging sich noch einmal aus. Hoffentlich.“ – Und wirklich, wenn man ehrlich ist, ist es vielen von uns schon mal ähnlich ergangen. Die oben zitierte Aussage von Peter Payer über seinen neuen Film „Freigesprochen“, einer Bearbeitung von Ödön von Horvaths Theaterstück „Der jüngste Tag“, führt geradewegs ins Zentrum einer Geschichte, die auf exemplarische Art und Weise zeigt, was passiert, wenn ein Sekundenbruchteil Unaufmerksamkeit eine Katastrophe auslöst.Frank Giering verkörpert den Fahrdienstleiter Thomas, der in einem abgelegenen Ort seit zwölf Jahren seinen Dienst vorbildlich ausübt.
Verbotener Kuss. Ein kurzer Augenblick verändert sein Leben. Als aufgrund einer LKW-Blockade auf den Straßen ein Verkehrschaos herrscht und dieses den gesamten Zugfahrplan durcheinanderbringt, lässt er sich von Anna ablenken. Ein verbotener Kuss löst eine Zugkatastrophe aus, weil Thomas vergessen hat, einen Schranken herunterzulassen. 22 Menschen, darunter der befreundete Lenker, werden bei der Kollision getötet. Das Ereignis hat für den Fahrdienstleiter und die junge Frau fatale Folgen. Sie versuchen durch sexuelle Obsession das Geschehene zu verdrängen, verstricken sich dabei aber immer mehr in Lügenkonstrukten. Auch wenn die gerichtliche Untersuchung zu dem Ergebnis kommt, dass es sich um eine unglückliche Verkettung von Umständen handelte und Thomas freigesprochen wird, werden die beiden für das Unglück Verantwortlichen nach und nach von ihrer Gewissensqual aufgefressen, die sie in eine Art Zwischenreich zwischen Leben und Tod führt.
Lebenslügen. Peter Payer inszeniert den Weg der beiden in die endgültige Erlösung auf filmisch beeindruckende Weise. Die klimatischen Veränderungen – die Geschichte beginnt im Spätsommer und endet im Winter – entsprechen dem Kaltwerden und Einfrieren der Gefühle, denn indirekt ist „Freigesprochen“ auch ein Film darüber, wie Menschen sich durch Lebenslügen ins Out befördern. Den fatalen Kuss hätte es wahrscheinlich nie gegeben, wäre die Ehe von Thomas noch intakt gewesen und hätte die Beziehung von Anna zu ihrem Verlobten Ferdinand (Robert Stadlober) wirklich eine Zukunft gehabt. Doch Hanni (Corinna Harfouch) liebt Thomas schon lange nicht mehr, nur ihr gutbürgerliches Selbstverständnis hält sie bei ihm, der sie immer noch abgöttisch liebt. Und Ferdinand ist mit seinem kleinbürgerlichen Lebenskonzept, in dem alles vorprogrammiert ist, für Anna nur die Langeweile in Person.
Blick hinter die Maske. Im Porträt dieser vier Personen gelingt Payer das, was Horvath als sein vorrangiges dramaturgisches Konzept bezeichnete: „Ich habe kein anderes Ziel als dies: die Demaskierung des Bewusstseins.“ Endlich wieder einmal ein österreichischer Spielfilm, der es wagt, seiner Geschichte ein großes Bildformat – man denke nur an die großartigen Sequenzen nach der Zugkatastrophe – zuzugestehen.