Gewalt an Kindern: Theaterstück „Das stille Kind“ von Martin Crimp
Ausgabe: 2008/04, Kammerspiele, Theater, Kinder, Crimp, Carol, Nick
23.01.2008
Es ist unsichtbar und doch stets gegenwärtig: das kleine Mädchen des jungen Paares Carol und Nick. Es isst nicht, es schläft nicht, man hört es kaum. Bis eines Tages gar nichts mehr zu hören ist. Das Kind stirbt. Und niemand hat etwas bemerkt.
Das Stück „Das stille Kind“ von Martin Crimp bringt in den Linzer Kammerspielen ein Thema auf die Bühne, das seit Wochen und Monaten in den Medien präsent ist: Gewalt an Kindern, die sich in unterschiedlichen Formen äußert und in fast allen Gesellschaftsschichten anzutreffen ist. In „Das stille Kind“ geht es um die Überforderung eines Paares, das Leben mit ihrem vierjährigen Kind Sharon zu meistern.
Gewalt und Verwahrlosung. Alltägliche Abläufe wie Essen, Schlafen, im Garten spielen bringen die Eltern in Rage. Ständig auflodernde Konflikte zwischen der unsicheren Mutter und ihrem gewaltbereiten, nach Anerkennung dürstenden Lebensgefährten verdunkeln den Blick auf das kleine Mädchen. Mit Verzweiflung und Wut kämpfen sich Carol (Nicole Reitzenstein) und Nick (Alexander Gier) durch das Leben. Unreflektierte Verhaltensmuster und das Verlangen, ungestört dem Beziehungsleben nachgehen zu können, vertragen sich nicht mit den Bedürfnissen des Kindes, das im Stück nie in Erscheinung tritt und dennoch allgegenwärtig ist.
Nichts gewusst.<7b> Hunger, Durst, Gewalthandlungen führen letztlich zum Tod von Sharon. Weder die neugierige und alleswissende Nachbarin Milly (Verena Koch) noch der unbeholfene Nachbar (Jannek Petri) können das Schicksal des Kindes zum Guten wenden. Zwar ahnt man einiges, gewusst haben will jedoch niemand etwas. „Ja, wenn man weiß, was wir jetzt wissen“, sagt Milly nach dem Tod des Kindes entschuldigend. Thematisiert wird damit in „Das stille Kind“ auch die fehlende Zivilcourage der Umgebung; sogar die völlig inkompetent agierende Sozialarbeiterin (Bettina Storm) mag nichts zum Wohl des Kindes beitragen.
Stoff zum Nachdenken. Inhaltlich kann das Stück des englischen Autors fesseln. Die Inszenierung (Julia von Sell) weist im ersten Teil einige Längen auf. Im zweiten Teil gelingt es, den Spannungsbogen bis zum traurigen Finale zu halten. Das Stück gewinnt durch das gelungene Bühnenbild von Alexandra Pitz an Dichte. „Das stille Kind“: ein aktuelles Theaterstück, das Stoff zum Nachdenken bietet.