Was tun, wenn Wunden nach vielen Jahren wieder aufbrechen?
Ausgabe: 2008/04, alte Wunden, Remsing, Tochter, Rivalin, Mutter, Partnerschaft, lobender Vater
23.01.2008
- Karin Remsing, Dipl.- Ehe-, Familien- und Lebensberaterin
Aus der Praxis: Herbert und Anita hatten Streit wegen ihrer Tochter, die gerade 18 Jahre alt wurde und zum Maturaball ein neues, sehr teures Kleid bekam. Herbert ist mit Recht stolz auf seine Tochter Tanja. Sie hat sich mit viel Mühe durch dasGymnasium geplagt und ist zuversichtlich, im Frühjahr die Matura zu schaffen. Als er bei einem Juwelier eine schöne Kette entdeckt, kauft er sie kurz entschlossen,ohne vorher mit seiner Frau darüber zureden. „Tanja war all die Schuljahrefleißig und zielstrebig und das möchte ich mit dem Schmuck belohnen. Anita, meine Frau, ist nun sehr wütend auf mich und möchte, dass ich das Ketterl wieder zurückgebe.“ Anita spürt neben ihrer Wut auch vielTrauer und weiß nicht, warum sie ihrer Tochter den Schmuck nicht vergönnt.
Auf den ersten Blick ist klar, was Anitawütend macht: Herbert kauft für seineTochter Tanja teuren Schmuck, ohne dies vorher mit seiner Frau abzusprechen. Herbert sieht nun: Dieser Kauf war ein Alleingang und Anita ist aus diesem Grund sauer auf ihn.
Woher kommt aber dieses Gefühl bei Anita, dass sie ihrer Tochter den Schmuck in ihrem Inneren nicht „vergönnt“? Sie liebt Tanja, spürt aber auch oft Rivalität gegen sie und einen tiefen Groll, wenn Herbert sie so in den Mittelpunkt stellt. Sie fühlt sich in diesen Situationen selbst als die „böse Mutter“, die gegen ihre Tochter ist.
Die Tochter als Rivalin. Ein zweiter Blick in Anitas Vergangenheit zeigt, wie wenig sie als Mädchen erlebt hat, dass ihre Eltern stolz auf sie waren. Jede ihrer Leistungen war vor allem für den Vater „selbstverständlich“ und keines Lobes wert. Jetzt soll die Leistung ihrer Tochter so belohnt werden? Rivalität spürt Anita auch, weil Herbert seiner Tochter und nicht ihr teuren Schmuck kauft. „Müsste nicht ich von dir Schmuck bekommen?“
Die verletzte Tochter. Im Gespräch entdeckt Anita, wie sehr sie noch immer in der Rolle der verletzten Tochter steckt und ihrem eigenen Vater böse ist. Freilich bekommen diesen Groll heute ihr Mann und ihre Tochter ab.
Freuen über den lobenden Vater. Anita nimmt sich vor, Tanja mit den Augen der Mutter und nicht als Rivalin zu sehen und so wie Herbert stolz auf ihre Leistungen zu sein. Dadurch wird es vielleicht möglich, ihre eigenen Wunden zu heilen und nicht auf die nächste Generation – auf ihre Tochter – weiter zu übertragen. Freuen kann sie sich auch darüber, mit Herbert einen Mann geheiratet zu haben, der – anders als ihr Vater – seine Tochter loben kann. Das ist ein wertvolles Geschenk, das sie ihrer Tochter gemacht hat.