Aus den embryonalen Stammzellen entstehen Tochterzellen (Bild), die dann die verschiedenen Organe des Körpers aufbauen.
Öffentlich ist wenig die Rede davon. Doch in Österreich wie in Deutschland spielt sich ein Tauziehen um die Forschung an menschlichen Stammzellen ab. Die Medizin hofft auf neue Heilmethoden. Doch zur Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen werden diese getötet. Dürfen tiefgefrorene Embryonen für die Forschung freigegeben werden? Das ist eine schwierige Frage der Güterabwägung, bei der sich auch Theologen nicht einig sind. Die KirchenZeitung bringt Hintergründe.
Das menschliche Leben ist kein Rohstoff
Die Embryonenforschung erregt erneut die Gemüter
Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich ist die Diskussion um die Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen für die medizinische und pharmazeutische Forschung neu aufgebrochen. Dazu sprachen wir mit dem Moraltheologen und Medizinethiker Günter Virt.
Jahrelang ist die österreichische Bundesregierung auf nationaler und europäischer Ebene gegen die Verwendung von menschlichen (humanen) embryonalen Stammzellen (hES) für Forschungszwecke eingetreten. Nun scheint sich die Position zu ändern (s. Randspalte). „Objektiv gibt es für diesen Gesinnungswandel keinen Grund, denn die ethischen und naturwissenschaftlichen Einwände sind nach wie vor gültig“, betont der anerkannte Medizinethiker Günter Virt. „Im Gegenteil, angesichts neuester Forschungsergebnisse stellen sogar einige bisherige Befürworter die Notwendigkeit der hES-Forschung in Frage.“
Woher und wozu? Zur ethischen Beurteilung der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen stellen sich grundsätzlich zwei Fragen, meint Virt: die nach der „Quelle“ der Stammzellen und die nach den Forschungszielen. „Bei der Herstellung von hES wird der Embryo, in dem das Potential für ein neues Menschenleben bereits real vorhanden ist, zerstört. Dieses Vorgehen steht damit in einem grundsätzlichen Widerspruch zur Menschenwürde, die besagt, dass ich einen Menschen niemals bloß als Rohmaterial, als Mittel zum Zweck verwenden darf.“ Was die Ziele der Forschung angeht, so fordert Günter Virt, dass „die Wahrheit transparent auf den Tisch gelegt wird“. Er nennt drei Ziele, die von den Befürwortern der hES-Forschung ins Treffen geführt werden, und nimmt diese genauer unter die Lupe.
Therapie. Seit Jahren werde versprochen, dass man mittels hES bisher unheilbare Krankheiten erfolgreich behandeln könne. „In Wahrheit ist die Forschung dabei aber keinen Schritt weitergekommen“, meint Virt. „Und es sprechen gewichtige naturwissenschaftliche Gründe dagegen, dass es hier in absehbarer Zeit zu Erfolgen kommt, da es bei der Einbringung von embryonalen Stammzellen in den erwachsenen Organismus zu Tumorbildungen und heftigen Abstoßreaktionen kommt.“ Und selbst wenn man diese Probleme entgegen vielen seriösen Prognosen in den Griff bekäme, stellt sich die Frage, ob eine so teure Behandlungen im Solidarsystem der Krankenkassen finanziert werden könnte.
Toxizitätsprüfung. In einem EU-Papier wird die Überprüfung von Medikamenten, Chemie- und Kosmetikprodukten auf Schadstoffe und Nebenwirkungen als eines der Hauptziele der hES-Forschung genannt, um dadurch Tierversuche zu reduzieren. „Dafür menschliches Leben zu opfern, wirft alle bisherigen ethischen Maßstäbe über den Haufen“, betont Virt. „Und wir brauchen das auch überhaupt nicht, weil es der Forschung immer besser gelingt, aus ethisch unbedenklich gewonnenen Stammzellen im Nabelschnurblut Organe und Gewebe (z. B. eine Leber) zu züchten, mit denen man diese Tests machen kann. Überdies wissen wir seit November, dass es Forschern in den USA und Japan gelungen ist, menschliche Hautzellen so zurückzuprogrammieren, dass daraus sogenannte pluripotente Stammzellen entstanden, die sich in die unterschiedlichen Gewebstypen des Menschen ausdifferenzieren lassen.“ Virt ist von dieser Entwicklung nicht überrascht, denn viele Wissenschafter arbeiten auf Grund der massiven Bedenken gegen die Embryonenforschung bereits in diese Richtung.
Grundlagenforschung. Von den Befürwortern wird immer wieder ins Treffen geführt, dass für die Grundlagenforschung nicht nur tierische, sondern auch menschliche embryonale Stammzellen unerlässlich seien. Virt hofft, dass sich in relativ kurzer Zeit die Frage beantworten lässt, ob sich die neuen „induzierten pluripotenten Stammzellen“, die ohne ethische Probleme gewonnen werden können, für die Grundlagenforschung nicht ebenso gut eignen. Das ethische Problem dabei sei, dass für Vergleichsstudien zumindest derzeit noch embryonale Stammzellen verwendet werden. „Aber dafür wären genug alte Stammzellenlinien vorhanden und es müssten keine weiteren Embryonen getötet werden, nicht neues Unrecht geschehen.“
Neue Perspektive. In der EU-Ethik-Beratergruppe, der Virt angehört, werden seit einiger Zeit neue Forschungskonzepte für die regenerative Medizin diskutiert. Virt hofft, dass dadurch die Diskussion um die Embryonenforschung in absehbarer Zeit „sehr alt ausschauen“ könnte. Neue Forschungskonzepte setzen darauf, dass man mittels Nanotechologie die im menschlichen Körper natürlich vorhandenen Stammzellencluster, die für die notwendige Zellerneuerung sorgen, auffinden, identifizieren und genau an den Punkt bringen kann, wo man sie braucht (z. B. zur Reparatur beschädigter Gewebe). Als katholischen Ethiker, so Virt, „leitet mich eine tiefe Hoffnung, dass das ethisch Richtige auch das medizinisch Nützliche und ökonomisch Sinnvolle sein wird. Ich gehe davon aus, dass das ethisch Falsche nicht das sein kann, was dem Menschen wirklich hilft.\"
Stichwort Stammzellen
Stammzellen sind Körperzellen, die noch nicht in spezialisierte Organe (Haut, Leber, Muskel ect.) ausdifferenziert sind.
- Embryonale Stammzellen (ES) sind in ihrem Frühstadium (bis 7 Tage nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle) „Alleskönner“. Sie bilden die Vorläuferzellen für die 220 verschiedenen menschlichen Körperzellen. Deshalb sind diese „pluripotenten Stammzellen“ in der Forschung besonders gefragt. Zu ihrer Isolierung werden Embryonen zerstört. - Adulte Stammzellen sind im Körper nach der Geburt vorhanden und bilden während des ganzen Lebens immer neue spezialisierte Zellen. Sie können aber nur bestimmte Typen oder eine bestimmte Bandbreite von Geweben ausbilden (multipotente Stammzellen). In der Medizin werden sie für die Therapie bereits eingesetzt (Leukämie etc.). - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Durch das Einschleusen von Viren wurden Entwicklungsgene in Hautzellen so aktiviert, dass daraus pluripotente Stammzellen – ähnlich der ES – wurden. Für diese „Reprogrammierung“ müssen jedoch keine Embryonen zerstört werden.
Im Blick
Güterabwägung
Der evangelisch-reformierte Theologe Ulrich Körtner hält die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen für ethisch vertretbar. Es sei eine ethisch zulässige Güterabwägung, wenn man tiefgefrorene Embryonen, die man für eine In-vitro-Fertilisation hergestellt hat, aber nicht mehr für die Fortpflanzung verwendet, der medizinischen Forschung zuführt, anstatt sie sterben zu lassen.
Diese Argumentation hat viele Anhänger. Doch der katholische Moraltheologe Günter Virt widerspricht ihr entschieden. Es gebe Konfliktsituationen, wo Leben gegen Leben steht, und wo man nicht anders kann, als verantwortlich abzuwägen – etwa bei der Notwehr oder auch bei seltenen tragischen Schwangerschaftskomplikationen, wo man nur das Leben der Mutter oder das des Kindes retten kann. „Aber für jede Güterabwägung, wo es um menschliches Leben geht, ist die Menschenwürde die unaufgebbare Voraussetzung der Entscheidung und nicht deren verhandelbarer Gegenstand.“ Die Verzweckung menschlichen Lebens zum Rohstoff für die Forschung stehe im klaren Widerspruch zur Menschenwürde. Daher könne es hier auch keine Güterabwägung geben. Genau das war der Grund, so Virt, warum eine Ethikkommission vor Jahren gegen Forschungsprojekte eingeschritten sei, bei denen Krebspatienten, die ohnedies bald sterben würden, ausschließlich für den medizinischen Erkenntnisgewinn noch einmal einer Operation unterworfen werden sollten. „Das Prinzip der Menschenwürde muss auch für das embryonale Leben gelten“, betont Virt. Wenn man schon mehr Embryonen herstelle, als innerhalb eines Zyklus implantiert werden, dann solle man diese eher zur Adoption freigeben (was in Österreich derzeit verboten ist) oder in Frieden sterben lassen, als sie zum Rohstoff zu degradieren.
Zur Sache
Die Tür aufstoßen
In Österreich ist die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen (hES) nicht ausdrücklich verboten. Die Politik hat es allerdings bisher abgelehnt, diese Forschung zu fördern. Bei einer Tagung zur Stammzellenforschung Mitte Jänner zeichnete sich allerdings eine Trendwende ab. SP-Justizsprecher Jarolin und VP-Wissenschaftssprecherin Brinek traten für die Forschung mit hES und sogar für die derzeit in Österreich verbotene Gewinnung von Stammzellen aus tiefgefrorenen Embryonen ein. Der evangelische Theologe Ulrich Körtner unterstützt diese Position und fordert ein Stammzellenforschungsgesetz nach Schweizer Muster. Dieses erlaubt sowohl die Forschung mit hES als auch deren Herstellung aus Embryonen.
Die Wiener Moraltheologin Sigrid Müller ist überzeugt, dass diese Diskussion in Österreich von einer kleinen Lobbygruppe bewusst losgetreten wurde. Man benutzt die Tatsache, dass ein einziger Forscher in Wien – vermutlich vorübergehend – mit aus den USA importierten hES arbeitet, um die Tür zur Embryonenforschung möglichst weit aufzustoßen. Damit werde ein großer Schritt dahin getan, dass sich die Gesellschaft anmaßt, den Wert des Menschen selber zu bestimmen. Die Aktion Leben fordert ein Verbot der hES-Forschung, weil dafür Menschenleben zerstört wird. 64.000 Österreicher/ -innen haben eine entsprechen- de Bürgerinititive unterstüzt.