Glaubensvertiefung und Glaubensverkündigung wurden im diözesanen Zukunftsprozess als ein zentrales Handlungsfeld festgelegt. Für Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz ist dieses Thema von eminenter Bedeutung. Diesem Anliegen widmete er daher den Hirtenbrief zur Fastenzeit, der am 1. Fastensonntag in den Kirchen verlesen wurde. Die KirchenZeitung dokumentiert den Brief in den wichtigen Passagen – als Anregung zur Besinnung auf Ostern zu.
Sehr klare Worte hat Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache bei der Begegnung in der Wiener Hofburg gefunden: „Vieles von dem, was Österreich ist und besitzt, verdankt es dem christlichen Glauben und seiner reichen Wirkung in den Menschen. Der Glaube hat den Charakter dieses Landes und seine Menschen tief geprägt. Es muss daher ein Anliegen aller sein, nicht zuzulassen, dass eines Tages womöglich nur noch die Steine hierzulande vom Christentum reden würden. Ein Österreich ohne lebendigen christlichen Glauben wäre nicht mehr Österreich.“
Darum möchte ich alle Gläubigen einladen, auch in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels das Leben unserer Kirche und der heutigen Welt mitzugestalten. Es braucht dafür eine gute Verwurzelung in unserem Glauben, der von einer tiefen Hoffnung getragen ist und deshalb keinen Pessimismus erlaubt. Nur so sind wir gestärkt für die Begegnungen mit den Fragen, Sorgen und Nöten unserer Mitmenschen. Aufgrund meiner zahlreichen pastoralen Besuche in den Pfarren, Schulen und Ordensgemeinschaften kann ich sagen, dass es viel Positives gibt: Zunächst denke ich an alle Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienstamt, an die vielen Ordenschristen – speziell in den Schwesterngemeinschaften – sowie an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Auftrag unserer Diözese; ich denke an alle Christen, die mit mir im Glauben unterwegs sind und sich unermüdlich für die Weitergabe und Vertiefung des Glaubens einsetzen. Ich habe aber auch all jene vor Augen, die als treue und stille Teilnehmer/innen des kirchlichen Lebens durch ihr Gebet, ihr persönliches Opfer und all ihr Bemühen zur Vertiefung des Glaubens und zum Wachstum des Reiches Gottes beitragen.
Neben all dem Positiven, das ich bei den Visitationen erleben darf, erfahre ich bisweilen auch eine zu starke Hinwendung auf strukturelle und administrative Probleme. Dies bewirkt, dass wir nur selten und nur vereinzelt über Gott, die Freude an unserem Glauben, über die Sakramentenvorbereitung oder Formen der Gottesbegegnung (Feier der Liturgie, Gebet, Eucharistische Anbetung ...) ins Gespräch kommen. Darin besteht aber die Kernbedrohung der Kirche, „dass jener Gott nicht mehr vorkommt, der eigentlich die Menschen an sich zieht“. Wer aktuell sein will und nicht bloß modisch, der muss in Gott selbst eingewurzelt und verankert sein. Erlauben wir doch Gott immer wieder, „uns von innen her neu zu formen“. Und in unseren Pfarren muss zuallererst wieder „Gotteserfahrung aus erster Hand“ ermöglicht werden.
Zeuge sein. Der Apostel Johannes stellt sich selbst in seinem ersten Brief als Augenzeuge, Ohrenzeuge und Tatzeuge vor (1 Joh 1,1). Das Wort Jesu an seine Apostel: „Ihr sollt meine Zeugen sein!“ (Apg 1,8) gilt auch uns heute. Christus will Zeugen, die Heilige Schrift ist da ganz eindeutig. (...) Es ist der Auftrag jedes Einzelnen – um mit der Botschaft von Mariazell zu sprechen – den Menschen Christus zu zeigen. Wenn ich Christ bin, kann ich nicht so tun, als wäre ich ein unbeteiligter Zuschauer. Vielmehr gilt es, selbst vom Wert des Glaubens zu reden und dessen persönliche Bedeutung für sich und andere auszudrücken. Als Einübung in diesen Auftrag bitte ich alle Gläubigen zu überlegen, wo und mit wem sie in ihrer Umgebung eigentlich über Gott sprechen und ob sie nicht jemanden etwa zu einer Wallfahrt, zu Exerzitien oder anderen den Glauben betreffenden Veranstaltungen einladen oder einfach zur Sonntagsmesse mitnehmen möchten. Viele Menschen in unserem Land kennen Christus nur oberflächlich oder noch gar nicht. Wir sind berufen, ihnen Christus zu zeigen. Um dieser Sendung entsprechen zu können, bedarf es zuallererst des Hörens auf das Wort Gottes in einer Atmosphäre beständigen Gebetes und des Suchens seiner Nähe in der Feier der Liturgie. Zeuge Christi kann man nur sein, wenn man diese persönliche Beziehung zu Jesus Christus täglich pflegt und sich für diese Freundschaft Zeit nimmt. Es ist gewiss kein Zufall, dass Jesus seine Jünger immer wieder als seine Freunde anredet. Treffend nennt die hl. Theresa von Avila das Gebet daher ein „Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“.
Leben aus den Sakramenten. Wer den Schatz des Glaubens entdeckt hat, wird alles daransetzen, diesen Schatz zu heben und aus ihm zu leben. Darum will ich Sie ermutigen, den Sakramenten, die den Glauben vertiefen, Aufmerksamkeit zu schenken. - In der Taufe und Firmung hat uns Gott beim Namen gerufen und in seinen Dienst genommen. Schätzen wir das Sakrament der Eucharistie, das Brot des Lebens, in dem Christus selbst zu uns kommt. - Die Mitfeier der Sonntagsmesse soll für alle Christen ein Grund zur Freude sein, ein wöchentlicher Fixpunkt der Begegnung mit dem Herrn. - Entdecken wir auch neu das Ostergeschenk Jesu an uns: das Sakrament der Buße und Versöhnung in der Beichte. Aus diesen Quellen müssen wir immer neu schöpfen, um unseren Glauben zu vertiefen und eine lebendige Gottesbeziehung zu pflegen. Es stimmt nachdenklich und schmerzt, dass nur ein Teil der Bevölkerung den christlichen Glauben tatsächlich in den Alltag umsetzt und lebt. Aus diesem Grund bitte ich alle Pfarren, dass im Zusammenhang mit der Sakramentenpastoral Kindern und Jugendlichen und deren Eltern vor allem die Grundgebete und das Glaubensbekenntnis gut vermittelt werden. Ebenso sollen jene Glaubensaussagen, welche die Taufe, die Firmung, die Eucharistie und das Bußsakrament betreffen, möglichst klar und verständlich dargelegt werden. Dabei wird von großer Bedeutung sein, dass diese Aufgabe von Personen übernommen wird, die selbst praktizierende Christen sind und über das nötige Wissen verfügen oder durch geeignete Katechesen dazu befähigt werden.
Dem Glauben ein Gesicht geben. Bevor man von Jesus erzählen kann, muss man ihn persönlich kennenlernen. Auf eine entsprechende Frage zweier Apostel lädt Jesus sie ein: „Kommt und seht!“ Trauen wir uns doch, unseren Glauben so zu bezeugen, dass wir andere Menschen einladen wie Jesus die beiden Apostel! Dieses Lebens- und Glaubenszeugnis ist für andere oft ein sehr kostbares Geschenk. Nichts suchen Menschen – und besonders Jugendliche – mehr als ein tragfähiges Fundament für ihr Leben. Und nichts respektieren sie innerlich mehr als eine feste Überzeugung, die glaubhaft gelebt wird.
„Der Religionslehrer, der nicht nur vom Glauben redet, sondern ihn authentisch lebt; die Caritasmitarbeiterin, die der Liebe Christi ihr eigenes Gesicht gibt; die Eltern, die mit ihrem Kind abends an der Bettkante beten; die Familie, die ihren bettlägerigen Vater zu Hause pflegt – sie alle sind lebendiges Evangelium und strahlen aus. Gefragt ist ein glaubwürdiges, persönliches Wort von Mensch zu Mensch: Woraus lebe ich? Was lässt mich glauben und hoffen? Warum bin ich Christ, warum bleibe ich es? Dort, wo ein Christ jemanden in sein Leben, in sein Herz schauen lässt, da geschehen auch heute Wunder. Gebt dem Glauben ein Gesicht, ein persönliches Gesicht: Euer Gesicht!“ (vgl. Hirtenbrief der deutschen Bischöfe 2004). Für die Kinder und Jugendlichen müssen wir Erwachsene sicher immer ein Stück „mitglauben“ und auch „vorausglauben“, damit sie es als Gewinn erfahren, wenn sie Jesus Christus in ihrem jungen Leben Zeit im Gebet und in der Eucharistie schenken. Wenn wir Christus gefunden haben, wenn wir begeistert sind von der Tiefe und Schönheit des Glaubens, dann drängt er uns, die Freude darüber mit möglichst vielen anderen zu teilen, selbst zu Dolmetschern des Glaubens zu werden. „Habt keine Angst!“, hat uns Benedikt XVI. bei seiner Amtseinführung zugerufen.
Über allem die Liebe. „Im ersten Johannesbrief findet sich das wundervolle Wort: ‚Wir haben der Liebe geglaubt‘“. Wahre Liebe erdrückt den anderen nicht, sondern setzt ihn frei. So handelt Gott an uns. Im ganzen Imperium Romanum hat man die christlichen Gemeinden an der Gottes- und Nächstenliebe erkannt: „Seht, wie sie einander lieben!“ – mussten die heidnischen Römer neidlos zugeben. Dies weckte in vielen den Wunsch, diese Christen und deren Glauben kennenzulernen. „Ja, der Liebe kann der Mensch glauben. Bezeugen wir unseren Glauben so, dass er als Kraft der Liebe erscheint, ‚damit die Welt glaube‘ (Joh 17,21).“