Christen haben wieder eine gemeinsame theologische Sprache für grundlegende Glaubensfragen gefunden. Aus der Serie "Zum Stand des ökumenischen Dialogs", Teil 2 von 4.
Die evangelisch-katholische Annäherung im 20. Jahrhundert ist Frucht der Begegnung nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). 1967 begann ein ernsthafter Dialog über die bisherigen kontroverstheologischen Fragen. Nach fünfzig Jahren eines intensiven evangelisch-lutherisch-römisch-katholischen Dialogs kommt es zu der grundlegenden Erkenntnis: Trennungen und Gegensätze lassen sich überwinden. Die Aufarbeitung der Geschichte durch Bereinigung der gegenseitigen Verurteilungen führt zu dem Ergebnis: Die einstmaligen Urteile übereinander lassen sich nicht mehr halten. Lehrverurteilungen sind damit nicht immer kirchentrennend. Der Weg zu einer weiter führenden Verständigung ist frei. So hat der internationale lutherisch-katholische Dialog Verständigungen über die Rechtfertigung sowie einige Fragen der Sakramente und des Amtes erzielen können. Doch längst können nicht alle Fragen als erledigt betrachtet werden.
Gemeinsame Erklärung
Der ökumenische Dialog hat zu einer überwältigenden Fülle von Dokumenten wachsender Übereinstimmung geführt. Die zwischen Lutherischem Weltbund und römisch-katholischer Kirche 1999 in Augsburg unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ erbringt eine Verständigung in grundlegenden Fragen des christlichen Glaubens. Gemeinsam bekennen sie: „Allein aus Gnade im Glauben an das Heilswerk Jesu Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken“. Ob diese Verständigung in der Rechtfertigungsfrage auch eine Übereinstimmung in anderen Fragen einschließt, muss noch weiter bedacht werden. Für die Kirche und ihre Sendung konstitutiv sind: das ihr überlieferte Wort Gottes, die Sakramente des Glaubens und das Amt der Verkündigung.
Ökumenischer Impuls erschöpft?
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts drängt sich allerdings noch eine ganz andere Einsicht auf. Die von Dialogkommissionen erstellten Konsensdokumente werden von den Kirchen nicht aufgenommen. Viele schätzen die Ergebnisse dieser Dialoge als Kompromissformeln ein. Überkommene konfessionelle Positionen bestimmen weiterhin das eigene Selbstverständnis. So gibt es keine gemeinsame deutsche Übersetzung der Heiligen Schrift mehr. Es gibt immer noch keine gemeinsamen Abendmahlsfeiern zwischen evangelischen und katholischen Christen. Die Kirchen können sich noch immer nicht gegenseitig als Kirchen anerkennen. So scheint es, dass die Christen immer weiter auseinanderdriften. Diese Situation wird von vielen als widersprüchlich empfunden. Hat sich der ökumenische Impuls erschöpft? Trotz dieser ernstzunehmenden Anfragen hat der von den Kirchen geführte ökumenische Dialog zu einem hohen Maß an Verständigung geführt. Heute können wir die Früchte ernten: Christen bekennen sich gemeinsam zu dem lebendigen Gott in Jesus Christus im Wirken des Heiligen Geistes. Sie haben wieder eine gemeinsame theologische Sprache für die grundlegenden theologischen Glaubensfragen gefunden. Sie können ihren Glauben in gemeinsamen theologischen Überzeugungen ausdrücken.