Die Befürworter der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen werfen den Gegnern häufig vor, sie argumentieren unwissenschaftlich, mit vorgefassten religiösen (katholischen) Meinungen. Wir fragten den Molekularpathologen Lukas Kenner.
Lukas Kenner befasst sich als Professor für Molekularpathologie an der Medizinuni Wien und als Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Krebsforschung intensiv mit den Eigenschaften und dem Verhalten von Zellen. Als Referent des Deutschen Bundestages für Stammzellenfragen hat er sich in einer Stellungnahme zur aktuellen „Stichtagsdebatte“ (siehe Randspalte) sehr kritisch mit der Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen (hESZ) auseinandergesetzt. Er wirft den Befürwortern der hESZ-Forschung vor, mit falschen Hoffnungen und unlauteren Behauptungen ihre Interessen durchdrückenzu wollen. Kenner sieht als Naturwissenschafter und Mediziner viele gute Gründe, auf die Forschung mit hES-Zellen zu verzichten, und sich dadurch einen „Rattenschwanz an schwerwiegenden ethischen, rechtlichen und medizinischen Problemen zu ersparen“.
Zur Heilung. „Der direkte therapeutische Einsatz von embryonalen Stammzellen scheidet definitiv aus, weil diese im Körper Tumore bilden“, sagt Kenner. Es sei daher auch nicht verwunderlich, dass bisher alle Ankündigungen, dass es bald klinische Studien mit hESZ am Menschen geben werde, nicht von Forschern gemacht wurden, sondern von Firmen, die damit Investoren anlocken wollten. Die Tumorigenität von Stammzellen sei ein „tiefliegendes biologisches Problem“, das wir noch lange nicht durchschauen, meint Kenner. „Embryonale Stammzellen sind nicht dazu da, die Regeneration von Organen durchzuführen, sondern den ganzen Organismus aufzubauen. Wenn sie sich nicht im Embryo befinden, sondern im erwachsenen Körper, bilden hES-Zellen Tumore. Anders als adulte Stammzellen z. B. aus dem Knochenmark, die man in der Therapie bereits vielfach einsetzt, haben hESZ nicht gelernt, Regenerationsarbeit zu leisten.“ Deshalb muss man aus embryonalen Stammzellen „erwachsenere“ Zielzellen mit hundertprozentiger Reinheit entwickeln (differenzieren), da auch nur eine ganz geringe Verunreinigung mit hESZ wieder zu Tumorbildungen führen kann. Diese aufwändigen Versuche seien im Tierexperiment sehr wichtig, um dadurch die grundlegenden Mechanismen der Zellen zu erforschen. Menschliche ESZ sind dafür aber nicht notwendig, betont Kenner. Außerdem sehe er wenig medizinischen Sinn dahinter, aus embryonalen Stammzellen „erwachsene“ zu entwickeln, die es im Körper ohnedies gibt und die seit 40 Jahren immer erfolgreicher therapeutisch eingesetzt werden.
Zum Lernen. Weil die medizinischen Heilsversprechen in weite Ferne gerückt sind, wird von den Befürwortern jetzt vor allem die Notwendigkeit der Verwendung von hESZ für die Grundlagenforschung betont. So wird behauptet, man brauche hESZ, um die Funktion und die therapeutischen Möglichkeiten adulter Stammzellen besser zu durchschauen. „Hier wird“, so Kenner, „der gute Ruf der adulten Stammzellen in der Medizin missbraucht. Es gibt keine einzige Publikation, in der gezeigt wird, dass die hESZ-Forschung zu Therapieerfolgen mit adulten Stammzellen beigetragen hat.“ Außerdem sei die Forschung mit menschlichen ESZ vor allem wegen der Tumorigenität auf die Kulturschale und auf Tierexperimente beschränkt und daher nur bedingt aussagekräftig. Weiters verweist Kenner auf die den Forschern Thomson und Yamanaka gelungene Entwicklung (Induktion) pluripotenter Stammzellen (iPS) aus erwachsenen Haut- und Bindegewebszellen. „Dadurch öffnen sich neue, sehr attraktive Wege, die die Zerstörung menschlichen Lebens für die Forschung noch weniger rechtfertigen.“
Zur Sache
Das falsche Signal
Seit vergangener Woche wird im Deutschen Bundestag über eine Änderung des Stammzellengesetzes debattiert. Bis Mitte März soll die Entscheidung fallen. Das geltende Gesetz sieht vor, dass für die Forschung nur menschliche embryonale Stammzellenlinien verwendet werden dürfen, die vor dem 1. Jänner 2002 gewonnen wurden. Man wollte damit sicherstellen, dass von Deutschland kein Anreiz zum Verbrauch von Embryonen ausgeht. Derzeit liegen im Bundestag vier Anträge vor:
- Einmalige Verschiebung des Stichtages auf den 1. Mai 2007; - Beibehaltung des Stichtages; - Streichen des Stichtages; - Verbot künftiger Importe.
Die stärkste Unterstützung hat bisher der Antrag auf Verschiebung des Stichtages. Begründet wird das mit der Notwendigkeit, dass die Forschung mehr und bessere hESZ benötige. Dem widerspricht der Stammzellenexperte Lukas Kenner. Selbst amerikanische Spitzenforscher arbeiten mit „alten“ hESZ. Das Problem ihrer Verunreinigung lasse sich lösen. Und es gibt derzeit auf dem Markt mehr alte hESZ-Linien als vor fünf Jahren zu kaufen. Die katholische Kirche hat sich erst vergangene Woche erneut gegen die Verschiebung des Stichtages ausgesprochen. Das sei das falsche Signal, immer weiter Embryonen zu töten, da irgendwann der nächste Stichtag kommt. Die evangelische Kirche ist gespalten und stimmt teilweise (Huber) einer Stichtagsverschiebung zu.