- Karin Remsing, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin
Aus der Praxis: Vergangenen Sommer – innerhalb von sechs Wochen – hat Rita ihren Mann Helmut durch Krebs verloren. Die Ereignisse überschlugen sich in jener Zeit. Die Wochen zwischen Diagnose und seinem Tod waren sehr schwer und turbulent. Und gleichzeitig spürten Rita und Helmut hin und wieder eine Nähe zueinander, die sie in den 19 Jahren ihrer Ehe nur selten erlebt hatten. „Wir wussten beide, dass uns nicht mehr viel Zeit bis zum Abschied blieb, obwohl wir nicht darüber sprechen konnten. Nach dem Tod Helmuts trage ich schwer an all dem, was uns in unserer Ehe nicht gelungen ist, was wir uns nicht gesagt haben, wofür wir uns nicht bedankten. Vieles ist offen, immer noch ungesagt. Wie kann ich diese schwere Last loswerden?“
Nach Helmuts Tod fühlt sich Rita, als würde die Welt und die Menschen um sie herum nicht ganz an sie heranreichen. Sie sagt, dass sie sich manchmal „wie in Watte gehüllt“ vorkam und den Eindruck hatte, nicht ganz bei sich selbst zu sein – sie habe „wie ferngesteuert funktioniert“.
Nun erlebt sie heftige Gefühle, die ihr Angst machen: „Manchmal glaube ich, verrückt zu werden. Ich kenne mich so nicht: ängstlich, niedergeschlagen, wütend, deprimiert, hoffnungslos …“ Erschreckt ist Rita aber vor allem, wie wütend sie manchmal auf Helmut ist. „Er hat mich oft mit meinem Bedürfnis nach Gespräch, Nähe und Sexualität hängen lassen und hat sich mir gegenüber selten geöffnet. Das kränkt mich heute noch. Er hat mich auch mit all der Arbeit, wie Garten, Bankgeschäfte, Einkäufe, allein gelassen. Seine Mutter war ihm oft wichtiger als ich.“ Über Tote schimpft man nicht. Gerade diesen Groll auf ihren verstorbenen Mann kann Rita schwer aushalten, da sie schon oft den Spruch gehört hat: „Über Tote soll man nichts Böses sagen.“ Diese Gefühle sind aber da!
Aufgeschoben. Dieser Spruch hilft Trauernden wenig. Er ruft eher Schuldgefühle hervor. In jeder Ehe und Partnerschaft gibt es Themen, die aufgeschoben und nicht besprochen werden, die bewusst oder unbewusst ausgeblendet werden, die beide nicht anzusprechen wagen. Auf den verstorbenen Partner wegen seiner Unzulänglichkeiten wütend zu sein, hat genauso seine Berechtigung, wie auf sich selbst aus denselben Gründen böse zu sein. Manchmal gehen wir in der Partnerschaft eben den vermeintlich einfacheren Weg und sind zu feige, notwendige Auseinandersetzungen zu führen.
Tagebuch. Um in der Trauersituation besser mit dem Gefühlschaos zurechtzukommen, hat Rita begonnen, ein Tagebuch zu schreiben. Sie schreibt alles nieder, was sie Helmut nicht mehr sagen konnte – auch ihre Wut, ihre Enttäuschung und ihren Schmerz.
Vergeben. Alle Gefühle, die bei Rita hochkommen und die sie „durchleben“ muss, sind wichtig. Dadurch wird es ihr gelingen, auch das zu sehen, was durch Helmut möglich war, und ihm dafür von ganzem Herzen zu danken. Dann wird sie sich erlauben, ihm und auch sich selbst zu vergeben, was sie sich gegenseitig „schuldig“ geblieben sind. Ich kann mir vorstellen, dass Ritas Leben nach der notwendigen Trauerzeit gut weitergehen wird, vielleicht sogar mit dem Schutz und dem Segen ihres verstorbenen Mannes.