Der Jakobsweg ist ein „Renner“. Nach Harpe Kerkelings Pilgerbuch kommt nun der Film „Pilgern auf Französisch“ in die Kinos. Pilgern ist wieder „in“ und sogar leinwandtauglich.
Was mag der Anlass gewesen sein, den schon 2005 produzierten Film „Saint Jacques – Pilgern auf Französisch“ nun doch noch in Deutschland und Österreich in den Kinos zu starten? Mehrere Gründe könnten dafür angeführt werden: Zu erwähnen ist Hape Kerkelings humoristische Reise-Reportage „Ich bin dann mal weg“, ein Bestseller, der einen wahren Jakobsweg-Hype auslöste. Vielleicht hat aber auch der derzeit überall anvisierte interreligiöse Dialog die Verleiher dazu veranlasst, den Film zu starten, diente doch der Sternenweg nach Santiago de Compostela ursprünglich auch der Integration Europas. Dieser Aspekt scheint der französischen Erfolgsregisseurin Coline Serreau sehr wichtig gewesen zu sein, wie der Originaltitel des Films „Saint Jacques … la Mecque“ („Santiago … Mekka“) andeutet. Serreau gelingen einige gelungene Sequenzen zu den Verbindungslinien zwischen den Religionen,insgesamt bewegt sich die Dramaturgie des Films aber eher auf ausgetretenen Pfaden.
Verschiedene Welten prallen aufeinander. Auf schon klassische Weise bringt die Wanderung die unterschiedlichsten Charaktere zusammen, die wohl oder übel miteinander auskommen müssen. Die geographische Ortsveränderung spiegelt den inneren Wandlungsprozess, den die Charaktere, die eher für Typen stehen, durchmachen. Besonders deutlich wird dies in der Entwicklung dreier Geschwister, die sich nicht ausstehen können: Clara, eine klassenkämpferische, kirchenfeindliche Lehrerin, Claude, ein arbeitsloser Alkoholiker, und Pierre, ein tablettensüchtiger Workaholic. Sie hassen Wanderungen, bekommen aber das Erbe ihrer Mutter erst ausbezahlt, wenn sie zusammen nach Santiago pilgern. Auch Guy, der Reiseleiter, hat familiäre Probleme, denn seine Fernbeziehung funktioniert nicht mehr. Der junge Araber Said interessiert sich nur für eine der beiden Studentinnen, die auch teilnehmen, während sein naiver Cousin Ramzi glaubt, auf dem Weg nach Mekka zu sein.
Aneinander reiben. Aus dem Personal des Films wird schnell deutlich, dass Serreau nichts auslässt, was ihr zur klaren Charakterisierung gesellschaftlicher Tendenzen dient. Wie schon in den vorhergehenden Filmen geht es ihr in erster Linie darum, neue Modelle für ein konfliktfreies Zusammenleben zu finden. Dies funktioniert aber nur, indem man sich am anderen reibt. Dabei setzt die Filmemacherin ihr Publikum einem wahren Wechselbad der Gefühle aus. So erweisen sich die ersten 30 Minuten als dermaßen geschwätzig, dass man angesichts des Wortschwalls kaum zum Durchatmen kommt. Trotzdem hat der Film seine charmanten Momente, und zwar immer dann, wenn er leise wird. Die eingestreuten Traumsequenzen, die die einzelnen Teilnehmer mit ihren Ängsten und Hoffnungen konfrontieren, erweisen sich in ihrer Expressivität als gelungener Gegenpart zu den Wortkaskaden. Diese nehmen im letzten Drittel des Films ab. Zusehends subtilere Töne gewinnen die Oberhand. Gerade jene Sequenz, in der Ramzi vom Tod seiner Mutter erfährt, gehört zu den gelungenen Passagen, weil sie sich nicht in die vorhersehbare Struktur des Films fügt. Dass Serreau ihre Geschichte nicht mit dieser Sequenz abschließt, sondern zum Abspann als begleitenden Kommentar den abgeschlossenen Selbstfindungsprozess endgültig harmonisiert und glättet, passt zu diesem Film.