Schiedsrichter Konrad Plautz hat eine steile Karriere hinter sich. Zwischen beinahe allen internationalen Spitzenmannschaften hat er Spiele gepfiffen. Auch bei der Fußball-Europameisterschaft ist er als Referee dabei. Innerlich bereitet er sich auf jedes Spiel mit einem stillen Rosenkranz-Gebet vor. Und auch auf dem Spielfeld hofft er auf die Hilfe Gottes: „Meine ersten Worte, wenn ich das Spielfeld betrete, sind immer: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat.”
KirchenZeitung: Schiedsrichter müssen gerecht sein. Woher haben Sie Ihren Sinn für Gerechtigkeit? Konrad Plautz: Ich glaube, dass mein Gerechtigkeitssinn mit meiner Herkunft zu tun hat. Ich komme aus einer großen Familie mit noch acht Geschwistern. Wir haben gelernt, mit sehr wenig auszukommen. Und da ist es immer darum gegangen, dass alles gut aufgeteilt wird. Ich habe schon als Kind gelernt, auf alle gut zu schauen. Heute wirft man mir manchmal vor, dass ich zu gutmütig bin, weil ich jedem gerecht zu werden versuche. Allerdings: Jedem gerecht zu werden, ist eine Kunst, die niemand kann.
Verraten Sie uns Ihre Schwächen? Meine Versuchung ist, dass ich zornig werde. Und wenn ich zornig werde, laufe ich Gefahr, laut zu werden. Und wenn man laut wird, zeigt man Schwäche. Das ist meine Gefahr. Ansonsten kenne ich auf dem Fußballfeld eigentlich keine großen Versuchungen.
Gibt es Situationen in einem Spiel, vor denen Sie sich fürchten? Wenn es in einem Spiel hektisch zugeht, das Publikum kocht, die Spieler kochen und dann gibt es eine strittige Elfmeter-Entscheidung oder einen Ausschluss, dann ist der Adrenalin-Spiegel hoch. Situationen, vor denen ich mich auch fürchte, sind jene wie im Spiel zwischen Austria Wien und Austria Kärnten. Bei diesem Spiel habe ich drei Tore aberkannt. Oder Massenkonfrontationen zwischen Spielern beider Mannschaften usw. Ich kann nur sagen: So ein Spiel wünsche ich keinem Schiedsrichter.
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie als Schiedsrichter eine falsche Entscheidung getroffen haben? Offen gesagt: Ich habe noch kein Spiel fehlerfrei gepfiffen. Ich schau mir nach jedem übertragenen Spiel die Fernsehaufzeichnung an und bemühe mich, aus den Fehlern zu lernen.
Schiedsrichter müssen oft böse Worte einstecken. Wie sehr belasten Sie Beschimpfungen oder negative Kritiken in den Medien?Durch die Positivberichterstattung in den Medien stehe ich im Moment sehr gut da. Doch es kann auch ganz anders sein. Ich brauche nur an das Spiel Austria Wien gegen Austria Kärnten zu denken, bei dem ich drei Tore aberkannt hatte. Nach dem Spiel bekam ich Morddrohungen. Natürlich sagte ich mir: Habe ich das notwendig? Und natürlich gibt es dann die eine oder andere schlaflose Nacht. Ich erinnere mich noch gut, als ich nach dem besagten Spiel zum ersten Mal wieder in Klagenfurt gepfiffen habe. Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl im Bauch.
Sie haben doch sicher auch Spieler, die Sie besonders gern mögen oder die Ihnen eher unsympathisch sind ... Egal, ob Barcelona mit sieben, acht Stars gegen eine Mannschaft spielt, die vielleicht nur einen bekannten Spieler hat: Für mich spielt eine Mannschaft in Rot gegen eine andere in Weiß. Mir ist wurscht, wer spielt. Alle haben sich zu benehmen und werden gleich behandelt und beurteilt. Natürlich gibt es Spieler, die besonders hart hineinfahren. Denen muss man Einhalt gebieten. Und natürlich gibt es die Spielmacher, die besonders gefährdet sind wie ein Ronaldinho. Auf die muss ich besonders achten. Aber egal, ob jemand ein Millionenstar ist oder nicht: Ich muss alle gleich behandeln.
Sie sind in der Ministrant/innenarbeit tätig. Können Sie die Erfahrungen vom Spielfeld auch in der Pfarre einbringen? Als Schiedsrichter versuche ich möglichst ohne Fehler zu sein und immer mein Bestes zu geben. Das will ich meinen Ministrant/innen übermitteln. Das sage ich ihnen auch: „Versucht einfach euer Bestes zu geben.“ Es wird sicher niemandem der Kopf runtergerissen, wenn einmal ein Fehler passiert. Ich merke, dass diese klaren Anforderungen den Ministranten gut tun. Sie sind begeistert bei der Sache und machen ihre Sache sehr gut. Ich glaube auch, dass der riesige Zulauf zu den Ministranten bei uns in der Pfarre damit zu tun hat. Zurzeit haben wir immerhin 47.
Gibt es Sätze oder Gleichnisse aus dem Evangelium, die Ihnen beim Pfeifen eines Spieles helfen? Während eines Spieles denke ich nicht an das Evangelium. Anders ist es, wenn ich in der Kirche bin und das Evangelium höre – zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Dann merke ich, wie sehr das Evangelium Richtschnur für das Fußballspielen sein kann. So ist es ein großer Unterschied, ob du einem Spieler, der ein schweres Foul begangen hat, eine zweite Chance gibst oder nicht. Meistens macht sich eine positive Haltung der Schiedsrichter auch positiv bei den Spielern bezahlt.
Und die Sternstunden eines Schiedsrichters? Besonders schön sind Erfahrungen, wenn zwei Spieler, die in einem Spiel aneinandergeraten sind, sich nach dem Spiel wieder versöhnen. Ich versuche nach Spielen immer, Streitereien zu schlichten und die Streithanseln zusammenzubringen. Gott sei Dank gelingt mir das auch oft.
Interview: Gilbert Rosenkranz
Nächste Folge: Christine Taschl erzählt, wie sie als Jugendliche einen Fuß verlor – und über den Sport wieder in das Leben gefunden hat.
Kommentar von Matthäus Fellinger
Foulspiel
Es gibt keine Schuld, die nicht vergeben werden könnte. Das ist eine faszinierende Perspektive des Glaubens. Tricksen. Mogeln. Ellbogen-Check. Zuerst gehen sie bis an die Grenzen des Erlaubten – dann darüber hinaus. Und schließlich wird das Foulspiel Methode. Wer erfolgreich sein will, tut es, sagen sie. Dumm, wer es nicht macht! Nicht alle sagen so, aber viele. Da gibt es einen, der wacht darüber, dass das Spiel nicht zum Schwindel wird. Das Foul wird geahndet. Der kleine Steuerschwindel, der Ladendiebstahl als Mutprobe. Ist ja nicht so schlimm. Merkt ja keiner. Mobbing am Arbeitsplatz. Üble Nachrede. Auch im Alltag der Menschen gibt es Fouls, mit denen sie einander austricksen.
Die Sünde des David. Der große König David war einer: Er verführte Batseba, die attraktive Frau des Urija. Als sie schwanger wurde, schickte er den Urija in die Schlacht, ließ ihn dort aufstellen, wo es am gefährlichsten war, sodass er fiel. Eine Gemeinheit sondergleichen. Ein arges Foul. Eine Sünde! So sagt man in der Sprache des Glaubens. David hat seine Sünde einbekannt – aber erst, als sie ihm vom mutigen Seher Natan auf den Kopf zu klargemacht wurde. Zum Miteinander der Christen gehört, dass sie sich auf ihre Fehler aufmerksam machen. Man trägt für die Sünden anderer eine Mitverantwortung. Es ist nicht gleich, wie einer spielt – falsch oder redlich. Und auch, wenn in der Gesellschaft etwas schief läuft, wenn Menschen niedergetreten werden, wenn mit Ellbogen agiert wird. Da mischen sich Christen ein. Die Hoffnung der Christen umfasst noch mehr: Es gibt kein Foul, das nicht vergeben werden könnte. Nichts bleibt ewig unverzeihlich.
Training mit Dr. Renate Priglinger
Buchstabenquadrat
Genau hinsehen. Das muss ein Schiedsrichter können. Hier eine Übung, die genaues Hinschauen und Kombinieren verlangt. Mit den vorgegebenen Buchstaben im Quadrat sollen möglichst viele Wörter gebildet werden. Die Buchstabensuche können Sie bei jedem Buchstaben beginnen. Aufeinanderfolgende Buchstaben müssen sich dabei in angrenzenden Feldern finden (horizontal, vertikal, diagonal). Finden Sie in diesem Quadrat 15 Wörter? Wenn Sie es öfter geübt haben, erfinden Sie einfach ein neues Quadrat.
Impuls aus der Bibel
Lesen Sie im Alten Testament die Geschichte von David und Batseba (2 Samuel 11). Wo haben Sie sich selber wie König David verhalten? Haben Sie bei anderen entdeckt, wie sie jemandem Unrecht taten? Überlegen Sie, wie Sie das im Guten zur Sprache bringen könnten. Sie können es auch in ein Gebet fassen.