Ausgabe: 2008/10, NS-Zeit, Kopf der Woche, Maximilian Liebmann, Grazer Kirchenhistoriker, Papst Johannes Paul, Kardinal Innitzer, Archiv, NS-Zeit
05.03.2008
- Hans Baumgartner
Der Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann zählt zu den ersten Adressen, wenn man etwas über die Kirchen in der NS-Zeit wissen will.
Maximilian Liebmann (73) hat die NS-Zeit als Bub in einer stark christlich-sozial geprägten Bauernfamilie in Dillach bei Graz erlebt. Er kann sich noch gut erinnern, als ihm sein Vater vom gescheiterten Attentat auf Hitler (1944) aus der Zeitung vorlas und dann meinte. „Bua, das nächste Mal gelingt es.“ Und als er schon ein junger Student der Theologie war, habe ihm seine Mutter einmal erzählt, wie sehr sie nach der Ermordung von Dollfuß getrauert und geweint hätte. „Ausgerechnet ich mit dieser anti-nazistischen Prägung habe dann für meine Habilitationsschrift über die frühe Reformationszeit den Kardinal-Innitzer- Förderungspreis bekommen“, erzählt Liebmann. „Für mich war das der, der mit ,Heil Hitler‘ gegrüßt hat. Und ich konnte es kaum glauben, dass der wichtigste Wissenschaftspreis der Kirche nach diesem umstrittenen Kirchenmann benannt ist.“
Der Preis war für Liebmann der Anstoß, sich näher mit Kardinal Innitzer und dem Staat-Kirche-Verhältnis vor und während der NS-Zeit zu befassen. Kardinal König habe ihm dafür den Archiv-Zugang ermöglicht. „Und seit ich vor zwanzig Jahren den ersten Aufstaz über die Kirche in der NS-Zeit veröffentlicht habe, bin ich immer weiter in diese Thematik hineingekommen.“ Und so wurde aus dem Mittelalter-Experten der Professor für kirchliche Zeitgeschichte (seit 1982). Je tiefer er in die Quellen eingedrungen sei, desto kritischer sei er bei aller Loyalität der Kirche gegenüber geworden – auch weil die Kirche in Österreich die Vergebungsbitten von Papst Johannes Paul II. kaum beachte, sagt Liebmann.
Univ.-Prof. Dr. Maximilian Liebmann „Ich halte die Vergebungsbitten von Papst Johannes Paul im Jahr 2000 für ein ganz entscheidendes Ereignis für die Kirche, das viel zu wenig ernst genommen wird.“