Aus der Praxis: Vor einigen Wochen hat Thomas bei einer firmeninternen Weiterbildung eine junge Kollegin einer anderen Abteilung kennengelernt. Seitdem fällt sie ihm auch in der Betriebskantine auf und er freut sich jedes Mal, wenn er sie sieht und ein paar Worte mit ihr wechseln kann. Er ist in die Beratung gekommen, weil ihm diese Frau nicht mehr aus dem Kopf geht, mehr noch, er spürt ein angenehmes Gefühl, nicht nur wenn er in ihre Nähe kommt, sondern auch, wenn er an sie denkt. Thomas ist nach eigenen Angaben „mehr oder weniger glücklich verheiratet“ und möchte seine Ehe nicht gefährden. Was aber soll er mit diesem Gefühl tun und seiner Sehnsucht, diese Frau zu sehen und mit ihr zu sprechen? Seiner Frau hat er davon nichts erzählt.
Thomas hat vorerst richtig erkannt, dass der Umgang mit anderen Frauen die eigeneBeziehung stören oder gar gefährden kann, denn bereits durch Begegnung und Gespräch wird eine (intime) Beziehung genährt. Er äußerte auch, dass ihm die Gebote „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen“ und „Du sollst nicht die Ehe brechen“ nahegekommen sind.
Was Thomas erlebt, ist einerseits verständlich, denn Gefühle fragen nicht, ob sie kommen und da sein dürfen, sie stellen sich ein. Andererseits ist kein Mensch den Gefühlen schicksalhaft ausgeliefert. Mit Gefühlen muss man umgehen lernen. Was zunächst ein „Trick der Natur“ zu sein scheint, damit Menschen zusammenfinden, braucht Gestaltung.
Verstand und Wille bestimmen. Wenn Thomas an den Anfang der Beziehung mit seiner Frau denkt, so fällt ihm ein, dass er neben den Gefühlen auch seinen Verstand eingesetzt hat. Die beiden haben überlegt und geprüft, ob die Voraussetzungen passen, um auch beisammenzubleiben. Sie haben zudem viel Zeit und Fantasie investiert, das Beisammensein zu gestalten. Und sie haben sich entschieden, das Miteinander in die Zukunft hinein – sogar für immer – zu wollen. Dieser Wille ist nun durch ein starkes Gefühl zwar ins Wanken geraten, kann aber dennoch die vernünftige Basis für das Leben bleiben. Wille ist nicht nur für die Entscheidung wichtig, sondern auch dafür, entschieden zu leben. Von Martin Luther stammt der Spruch: „Du kannst nicht verhindern, dass Vögel über deinem Haupt kreisen, wohl aber, dass sie in deinen Haaren Nester machen.“ Für Thomas könnte das heißen, in nächster Zeit keinen Kontakt zu dieser Kollegin zu suchen.
Ein neuer Blick auf Vertrautes. Die Frage, welche Wünsche und Sehnsüchte durchdiese Frau in ihm ausgelöst und lebendig wurden, könnte Thomas überlegen. Auf jeden Fall kann er sich darüber freuen, dass er für Gefühle offen ist. Diese Begabung kann er ja in der Beziehung mit seiner Frau neu wirksam werden lassen, wie auch seine Fähigkeit zur Aufmerksamkeit. Es liegt darin die Chance, die positiven Qualitäten der Verliebtheit der Anfangszeit wiederum zu aktivieren. Möglich ist das mit einem neuen Blick auf Vertrautes, im Besonderen auf die vertraute Partnerin.
Für dich liebenswert machen. Die Chance für Thomas und seine Frau liegt darin, durch diesen Anstoß von außen sich für den eigenen Partner (wieder) liebenswert zu machen, die Liebe zu pflegen und „auszubauen“.
Liebeskraft nutzen. Das Gedeihen der Liebe braucht sorgsame Pflege – ein Leben lang. Für die bestehende Bindung, die Ehe, lohnt es sich, die ins Fließen gekommene Beziehungsenergie und Liebeskraft zu nutzen und umzulenken.