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Neu im Kino

Filmtipps von Markus Vorauer: "Bei Tag und bei Nacht" und „Tschick“.
Ausgabe: 2016/39
27.09.2016
- Markus Vorauer
© arahan - Fotolia

Bei Tag und bei Nacht


Hans Andreas Guttner hat mit „Bei Tag und bei Nacht“ einen Dokumentarfilm gedreht, der beweist, dass man in diesem Genre nicht nur auf „sprechende Köpfe“ und damit Dialoglastigkeit setzen muss. Das Porträt seines Bruders Dr. Martin Guttner nimmt sich 111 Minuten Zeit, um das Verschwinden ­zweier Berufssparten, des Landarztes und der Bergbauern, in melancholischen Bildern festzuhalten.
Über ein Jahr lang hat Guttner den Arzt bei seiner Tätigkeit in den Gailtaler Alpen und Lienzer Dolomiten begleitet. 55 Drehtage hat er dafür aufgebraucht, viel Zeit, die man für einen TV-Film niemals bekommen würde. „Bei Tag und bei Nacht“ belegt mit Nachdruck, dass ein Kinofilm einem anderen Rhythmus folgen kann. Bei aller Melancholie, die über den beschwerlichen Momenten aus der Lebenswelt des Arztes und der Bauern liegt, überzeugt der Film aber auch durch humorvolle Momente und durch die Lakonie, mit der die Beteiligten ihr Schicksal tragen. Landarzt in einer Region zu sein, die teilweise vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten ist, bedeutet nicht nur ärztliche Versorgung, sondern lange Besuchswege und Sozialarbeit mit den Patienten. Als Zuseher bekommt man einen Einblick in eine Welt, zu der man sonst keinen Zugang findet. Besseres lässt sich über einen Dokumentarfilm nicht sagen. Die Aussage Paul Cézannes, dass man die Dinge festhalten müsse, bevor sie verschwinden, die Guttner in einem Interview zitiert, fasst die Haltung seines Films perfekt zusammen.
Premieren: Do., 13. Oktober 2016, 20 Uhr, Moviemento Linz, So., 16. Oktober, Programmkino Wels.

Tschick


„Man muss verschwinden, bevor einen die Dinge festhalten.“ Die Umkehrung der Aussage könnte als Motto für Fatih Akins Adaption des überaus erfolgreichen Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf fungieren. Die Geschichte von der Freundschaft des Unternehmersohns Maik Klingenberg mit dem Russlanddeutschen Tschick bietet als „Road Story“ und „Coming-of-Age-Erzählung“ eine ideale Voraussetzung für eine filmische Umsetzung. Akin hat aus der Geschichte von der Reise der beiden mit einem gestohlenen Lada durch die ostdeutsche Provinz einen kurzweiligen, von zwei großartigen Darstellern getragenen Film gemacht, der vor allem jugendliches Publikum ansprechen wird. Auch in diesem Film wird man mit einer Welt konfrontiert, die im Verschwinden ist, aber eben auch mit Menschen, die sich gegen diesen Prozess stellen. Der alte Lada mit seinem Kassettenrekorder, aus dem Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“ tönt, steht für diesen Widerstand, ist aber gleichzeitig ein gelungener Verfremdungseffekt. Und doch: Was den Genuss des Films erheblich schmälert, ist der permanente Soundteppich, mit dem Akin die Bilder überlappt. „In der Gegenwartsjugendkultur ist es zwingend notwendig, die Helden identitätsstiftende Musik hören zu lassen“, merkt Herrndorf in „Arbeit und Struktur“ ironisch an. Leider gilt das auch für Akins „Tschick“.
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