Wieso Kirche vor Ort bleiben muss und was Pfarren besonders auszeichnet. Begründungen für eine Struktur mit möglichst vielen Pfarrgemeinden lieferte Fundamentaltheologe Prof. Jürgen Werbick letzte Woche beim Theologietag des Instituts für Pastorale Fortbildung.
Glauben heißt immer „mitglauben“. Für den Fundamentaltheologen Prof. Jürgen Werbick ist die Bedeutung der Pfarre als Gemeinschaft eines der stärksten Argumente, wieso Kirche vor Ort bleiben muss. „Glaube kann da einwurzeln, wo Kirche Alternativen zu modernen Lebensformen aufzeigt“, so Werbick. Die Pfarren könnten die Grunderfahrung „auf dich kommt es an“, am besten vermitteln. In der Gesellschaft mache man ja oft die gegenteilige Erfahrung. Werbick: „Pauschal gesprochen heißt es doch meistens: ,Nimm dich nicht so wichtig‘. Vielleicht ist das aber gerade das Wichtigste am Glauben, dieses Zutrauen in den Menschen.“
Raum für Niederlagen. Werbick greift den Wellness-trend in seiner Begründung für die Pfarren auf. Sie seien Orte, an denen man sich wohlfühlt. Noch wichtiger: Die Menschen erfahren hier, dass sie auch mit ihren Fehlern angenommen sind. „Wo sonst gibt es Raum für Niederlagen als in der Kirche und besonders in den Pfarren?“Deutlich macht Werbick, was seiner Meinung in den Pfarren zum Teil noch besser werden kann. Etwa sollten diese auf niederschwelligere Angebote setzen. Ein für den Münsteraner Theologen wesentlicher Ansatzpunkt ist die Liturgie. Werbick: „Dieser Bereich ist meistens bloß für Insider.An der Liturgie nimmt man fast als letztes in einer Pfarre teil. Sie ist dann nicht das Zentrum der Gemeinde, das es eigentlich sein sollte“. Er fordert deshalb mehr „rituelle Kompetenz“ vor Ort.
Steigender Kostendruck. Auch wenn die Situation vorgegeben sei durch Priester- und Geldmangel: „Die Verörtlichung am Wohnbereich darf aber nicht so schnell aufgegeben werden“. Kirche werde „nicht in jedem Dorf“ bleiben können, meint Werbick. Aber: Auch kleine Pfarren könnten durchaus lebendig und somit lebensfähig sein. Man könne keine allgemeingültigen Kriterien oder gar Mindestzahlen nennen, unter denen eine Pfarre „aufgegeben“ werden muss. Fundamentaltheologe Werbick stellt im KIZ-Gespräch dabei klar: „Wenn das Geld in der Kirche weniger wird, heißt das wohl weniger Leute anstellen oder weniger Lohnanstieg. Darüber muss man einfach reden.“ Dennoch: Wenn behauptet wird, man setzt jetzt mehr auf die Ehrenamtlichen, statt auf die Hauptamtlichen, sei das nicht zielführend. „Auf die kann man nicht alles schieben, sonst brennen sie aus“, sagt Werbick.
Die Veränderung des Amtes. Wenn Kirche vor Ort bleiben soll, muss die Frage der Gemeindeleitung natürlich ebenfalls gestellt werden: Was ist ein kirchlicher Amtsträger und was sollen diese in der heutigen Zeit tun? „Je weniger Priester es gibt, desto mehr werden sie auf ihre Rumpfrolle reduziert, nämlich auf das, was ausschließlich sie dürfen“, führt Werbick aus. „Man darf die Priester nicht davon befreien Seelsorger zu sein“, sagt Werbick. Wenn Priester „schnell eingeflogen“ würden, nur um die Sakramente zu spenden, sei das eine schlechte Entwicklung. „Kirche vor Ort, das heißt auch, dass die Sakramente ihren notwendigen Ortsbezug behalten müssen“. Vor diesem Hintergrund nimmt Werbick auch Stellung zu der Situation der Pfarrassistenten. Das Kirchenrecht bietet ja - wie in Oberösterreich praktiziert – bei Priestermangel die Möglichkeit an, dass Laien die Mitverantwortung in einer Pfarre übernehmen. Im Kirchenrecht ist festgehalten, dass diese Laien nicht die Gemeindeleitung übernehmen können (Deswegen auch die Bezeichnung Pfarrassistenten). De facto hätten aber viele Pfarrassistent/innen die Gemeindeleitung inne, meint Werbick. Wenn das der Fall ist, sollte man sie deshalb zum Priester bzw. zur Priesterin weihen, betont er. Für ihn ist das die theologisch sinnvollste Lösung. Aber auch wenn alles so bleibt, wie es ist, in den Pfarren, muss die Kirche Farbe bekennen meint Werbick. „Wenn man die Zugangsbedingungen zum Priesteramt lässt, dann muss man die Pfarrassistenten stützen, wo man kann. “
„Das meiste in die Pfarren investieren“
„Die Kirche muss auf die Anliegen der Leute hören und mit ihnen leben“. MMag. Helmut Außerwöger, Pfarrassistent aus Stroheim, sagt klar: Für diesen Auftrag braucht Kirche Präsenz vor Ort. Das dichte Filial- und Kundennetz, das durch die Pfarren gewährleistet wird, sei dabei eine besondere Stärke. „Ohne dem wird es auch in Zukunft nicht gehen“, betont Außerwöger. In den Pfarren sei sehr wesentlich, den Menschen Wege zur Spiritualität zu erschließen. Auf keinen Fall sollte jemand vor verschlossenen Türen stehen. „Die Kirche sollte sich vergegenwärtigen für wen sie da ist: für die Leute vor Ort, das ist unser Grundauftrag. Ich halte es deswegen für sinnvoll, nach wie vor das meiste in die Pfarren zu investieren“, so Außerwöger. „Der Pfarrassistentin von Steyrermühl, Hildegard Neuwirth, ist es ein besonderes Anliegen in ihrer Pfarre auch Andersdenkende zu hören. „Das erfordert Bereitschaft voneinander zu lernen und Glaubenswege gemeinsam zu beschreiten“, sagt Neuwirth: „Mit all unseren Begrenzungen müssen wir uns in den Pfarren die Aufmerksamkeit für die Menschen bewahren .“