Deutliche Worte zu Fragen des Lebens und der Umwelt
Österreichs Bischöfe nehmen zu aktuellen Themen Stellung
Ausgabe: 2008/11, Österreichs Bischof, Christoph Schönborn, Schadensfall Kind, Anschluss, Stammzellenforschung, Priestermangel, moralisches Erwachen, Vergangenheit, Cyril Fischer, Zölibat, Johannes Paul II., Behinderung, Franz Jägerstätter
12.03.2008
Mit Stellungnahmen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen und einer Erklärung zum „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland vor 70 Jahren meldeten sich die österreichischen Bischöfe nach ihrer Frühjahrskonferenz in Reichenau zu Wort.
In einer Erklärung zu den Ereignissen vom März 1938 (s. Randspalte) gedachten die österreichischen Bischöfe der zahlreichen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung sowie der vielen Toten des Krieges. Und sie erinnern an die Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000, wo es u. a. heißt: „Die Verfehlungen der Vergangenheit anzuerkennen, trägt auch dazu bei, unser Gewissen angesichts der Herausforderungen der Gegenwart wieder zu wecken.“
Schadensfall Kind. Scharf reagierten die Bischöfe auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofes (OGH), das er in einem Schadensersatzprozess für ein behindertes Kind gefällt hatte (siehe Panoramaseite). „Obwohl es uns nicht leicht falle, ein OGH-Urteil zu kritisieren, kann es nicht angehen, dass ein Kind zu einem Schadensfall erklärt wird“, betont Kardinal Christoph Schönborn. Die Bischöfe Appellieren an den Gesetzgeber, „umgehend Bestimmungen umzusetzen, die das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung sicherstellen und Schadenersatzzahlungen aus der Tatsache der Geburt eines Menschen verunmöglichen“. Die Bischöfe befürchten, dass dieses Urteil nicht nur den Druck auf werdende Eltern und Ärzte erhöhen könnte, sondern die ohnehin verbreitete Haltung, das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung in Frage zu stellen, verstärken könnte. Ausdrücklich unterstützte Kardinal Schönborn die von der Aktion Leben eingeleitete Bürgerinitiative für ein kinderfreundliches Österreich. Dieses tritt sowohl für eine bessere Unterstützung für Behinderte und deren Angehörige ein, als auch für die Umsetzung der sogenannten flankierenden Maßnahmen zur Fristenregelung.
Stammzellenforschung. Klare Wünsche zur Gesetzgebung formulierten die Bischöfe auch im Hinblick auf die Diskussion zur Stammzellenforschung. Sie fordern ein generelles gesetzliches Verbot der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen, für deren Gewinnung Leben getötet werden muss. Die Bischöfe weisen darauf hin, dass angesichts neuester Forschungsergebnisse der Rückgriff auf Stammzellen aus menschlichen Embryonen nicht mehr begründbar sei.
Moralisches Erwachen. Ungewöhnlich deutlich haben sich die Bischöfe für verstärkte Anstrengungen zum Umwelt- und Klimaschutz ausgesprochen. Angesichts der besonderen Betroffenheit der Alpenregionen durch den Klimawandel rufen sie, ein Wort von Papst Benedikt aufgreifend, zu einem „moralischen Erwachen“ auf. Sie betonen, dass die Verantwortung für die Schöpfung zu den „selbstverständlichen Aufgaben der Christen“ zählt. Dies bedeute auch eine Selbstverpflichtung für die katholische Kirche in Österreich, sich im eigenen Bereich für den Schutz der Umwelt, für Nachhaltigkeit und einen verantwortlichen Lebensstil einzusetzen. Die Regierung wird aufgefordert, den versprochenen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Derzeit ist sie weit davon entfernt.
Priestermangel. Zum Thema Priestermangel und Zölibat meinte Schönborn, dass es keinen „österreichischen Sonderweg“ geben könne. Angesichts der seelsorglichen Situation aber werde man bei der Sommerbischofskonferenz in Mariazell einen großen Studientag über pastorale Dienste abhalten. Tief besorgt äußerten sich die Bischöfe über die Lage der Christen im Irak.
Gedenkjahr
Lernen aus der Vergangenheit
„Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte.“ Unter dieses Wort aus dem Lied Mose (Dtn 32, 7) stellen die österreichischen Bischöfe ihre Erklärung zum 70. Jahrestag der März-Ereignisse von 1938. Eingangs erinnern sie an die Opfer des Nationalsozialismus und des Krieges.
Anschließend greifen die Bischöfe die Frage auf, warum damals „die Christen und ihre Hirten nicht stärker der Macht des Hasses, der Unmenschlichkeit und Diktatur entgegengetreten sind“. Sie versuchen das auf zweifache Weise zu erklären: Mit der Spannung zwischen der Weisung aus dem Römerbrief, der weltlichen Autorität Gehorsam zu leisten, und dem Petruswort, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Ausdrücklich verweisen sie in dem Zusammenhang auf die Bedeutung des Gewissens und auf den seligen Franz Jägerstätter. Ein weiterer Grund für den getrübten Blick, auch in der Kirche, so die Bischöfe, war eine stark von Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus geprägte allgemeine gesellschaftliche Geistigkeit. In diesem Zusammenhang erinnern die Bischöfe an weitblickende Persönlichkeiten wie Irene Harand, Dietrich von Hildebrand oder P. Cyril Fischer OFM.
Mit der Erinnerung an die Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. sprechen die Bischöfe die Irrungen und die Schuld der Kirche – von den Bischöfen und Theologen bis zu den Gläubigen – nur sehr allgemein und vage an. Dankbar erwähnen sie jene Söhne und Töchter der Kirche, die dem Evangelium treu geblieben sind und zählen dafür exemplarisch u. a. Sr. Restituta, Pfarrer Neururer oder Provikar Lampert auf. Dass viele Opfer aus der Kirche bis heute nicht gewürdigt wurden, kommt in der Erklärung nicht vor.