Das Leid, das Menschen einander antun, die Geschichte eines Volkes, die Passion Christi – an einigen Bildern festgemacht. Dies gelingt dem Künstler Chen Chieh-jen mit seinen verstörenden Foto- und Filmarbeiten in der Krypta der Linzer Ursulinenkirche.
Wegschauen, weglaufen, sich dem Leiden nicht aussetzen wollen: das sind nur einige der möglichen Reaktionen, die die Arbeiten in der Krypta zunächst spontan auslösen können. Es ist keine leichte Kost, die hier präsentiert wird. Das Leiden der Welt und das, was Menschen bis heute einander antun, all das scheint sichtbar in diesen Fotoarbeiten des taiwanesischen Künstler Chen Chieh-jen. Hier eine Verbindung zur Passion Christi zu sehen, fällt im europäischen Kulturkreis leicht. Die Krypta als Ort der Stille und Einkehr erweist sich dabei als ideal und angemessen für die Präsentation.
Botschaft der Bilder. Die historischen Hinrichtungs- und Folterszenen, die der Künstler bearbeitet hat, bilden einen Teil der Ausstellungsreihe „Kunst in der Krypta“. Gezeigt wird dort auch der Film „Lingchi – Echoes of Historical Photograph“. Der Film greift eine Fotoarbeit, die eine Folterungsszene aus dem Jahr 1902 zeigt, heraus. Doch es geht nicht darum, das Leiden um seiner selbst willen zur Schau zu stellen. Ohne Ton, ohne Musik und in unendlich langsamen Bildern werden der Gefolterte, das Folterwerkzeug, die Folterer und die zuschauende Menge ins Bild gesetzt, Szenen von Landschaften unterbrechen die Bildabfolgen. Der Film bringt die Frage auf den Punkt: In welchem Kontext werden Bilder gezeigt und welche Funktion haben sie? Wer wird dargestellt? Wer hat den Auslöser gedrückt, die Kamera bedient? Und wer hat Interesse daran, dass diese Bilder archiviert und in Umlauf gebracht werden? Auch die Rolle der zuschauenden Menge kommt dabei in den Blick.
Blinde Seher. Erinnerungen an erschütternde Folter-Bilder aus dem Irak werden wach. Sie wurden damals weltweit via TV in die Wohnzimmer geliefert. „Es stellt sich nicht so sehr die Frage, wie Bilder gemacht werden, sondern welche Botschaft sie vermitteln und wem diese Botschaft gilt“, erklärt Chen Chieh-jen. „Von der Rolle eines stillen Betrachters sind wir zu apathischen, unter Gedächtnisschwund leidenden blinden Sehern geworden. Als eine Antwort der gegenwärtigen Welt müssen wir versuchen, Themen neu zu schreiben und neu zu diskutieren“, so der Künstler. Neu sehen zu lernen – die Arbeiten von Chen Chieh-jen geben Anstoß dazu.
- Der Film wird täglich um 19 Uhr in der Krypta gezeigt (bis 20. März). Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit von Kunstreferat der Diözese Linz, Forum St. Severin und dem OK Offenen Kulturhaus im Rahmen der „Biennale Cuvée“.