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Anstoß: Herz gegen Hirn

Fastentraining mit der KirchenZeitung, 6. Teil
Ausgabe: 2008/11, Habringer, Rudolf Habringer, Herz gegen Hirn, Fastenzeit, Priglinger, Fastentraining, Kreuzschritte, Mentaltraining, Palmsonntag, Fußball, Fußballfan, Jerusalem, Anstoß, Jesus, Training,
13.03.2008
- Matthäus Fellinger
© CR

Rudolf Habringer


Rudolf Habringer ist Schriftsteller. Er lebt in Walding in Oberösterreich – und er deklariert sich als Fußballfan.

Im folgenden Beitrag führt er ein gedankliches Spiel gegen sich selbst.



Da gibt es das Stadion mit dem grünen Rasen. Dann diese ominöse Kugel. Zwei Tore. Zweiundzwanzig Spieler. Und da sind all die anderen Zutaten, die unbedingt dazugehören: Dressen, Trainer, Trinkflaschen, Schiedsrichter, Anzeigetafel, Würstelstand. Oben am Rang steht einer, der von all dem nicht genug bekommen kann: der Fan. Der zwölfte Mann.
Im Winter ist es kalt. Der Boden ist gefroren. Die Stadiontore sind verriegelt, die Ränge verlassen. In den fußballosen Monaten neigt der echte Fan zur Melancholie mit bedrohlich depressivem Einschlag.

Ich bin auch ein Fan, ich gebe es zu. Obwohl ich schon groß bin. Irgendetwas in mir drängt, mich dafür zu rechtfertigen. Ich buchstabiere mein Fansein als begeisterte Anhängerschaft, aber nicht als Fanatismus.
In meinem Kopf tobt ein hartes Match. Herz gegen Hirn. Gefühl gegen Intellekt. Kind gegen Erwachsener. Das Kind spielt mit seinen älteren Brüdern und allen verfügbaren Buben auf einer Dorfwiese. Im Sommer täglich. Es gibt keine sozialen Unterschiede, was zählt, ist das Können am Ball. Das Leben ist ein Fußballspiel: Jubel und Freude, Spannung und Dramatik, Enttäuschung und Tränen. Die unbändige Freude über ein Tor. Das süße Gefühl des Sieges. Wie bitter aber die Niederlage schmeckt. Die Schmach eines „Gurkerls“, eines „Eiergoals“, will verdaut werden.
Das Kind sammelt Fußballbilder in einem Album und hütet dieses wie einen Schatz. Das Kind liest die „Spatzenelf“ von Karl Bruckner, „Elf rote Teufel“ von Ben Harder, schneidet Berichte und Fotos von Spielern aus und klebt sie in ein Heft, versieht sie mit selbstformulierten Bildtexten: die Fußballsprache als erste Fremdsprache. Von selbst bildet sich ein reiches Vokabular an Namen, Zahlen, Fakten: Der Sturmberger. Der Köglberger. Der Harreither. Längst haben fast alle mathematischen Formeln meinen Kopf verlassen, die Namen der Weltmeistermannschaft von 1970 sind geblieben: Pele, Tostao, Rivelinho.
Der Pubertierende geht erstmals zu einem Spiel auf die Linzer Gugl: LASK gegen Austria. Diese Samstagnachmittage schmecken in der Erinnerung nach Aufhebung der Zeit. Das erwartungsvolle Raunen am Stehplatz, bevor es losgeht. Das enttäuschte Aufstöhnen, wenn ein Schuss danebengeht, der befreite Jubel, wenn die eigene Mannschaft einnetzt.




Samstage zu Hause sind fürs Radio reserviert. Der Jugendliche fläzt sich auf das Sofa und hört Sport und Musik, die Konferenzschaltung von den aktuellen Spielen mit Edi Finger und den anderen Reportern: eine dramatische Fußballsprachsymphonie aus Tragödien und Triumphen, Verzweiflung und Größenwahn, Zweikämpfen und Abstiegskrämpfen.Der jugendliche Fußballfan begleitet seinen Bruder zu den Spielen der Union Alberndorf. Wer schreibt die Elegie auf den Sonntagfußballnachmittag im herbstlichtgefluteten Leopoldschlag, wer überliefert die Melange aus frisch gemähtem Rasen und Leberkässemmeln von Rainbach? Wieder Jahre später: Der junge Student kostet in Vöcklamarkt die würzige Luft der zweiten Division, leidet mit Timelkam, das im Aufstiegsspiel scheitert.
So schwelgt das Kind in mir, breitet Erinnerungen aus, idealisiert, spricht mit fremder Zunge: Der argentinische Weltmeistertrainer von 1978, Cesar Luis Menotti, unterscheidet in seinem Manifest „Fußball aus der Tiefe des Volkes“ einen Fußball der „Rechten“ und der „Linken“: „Der Fußballsport gehört dem einfachen Volke. (...) Er beinhaltet alle Werte der Arbeiterklasse. (...) Es sind Werte, die dem Menschen einen Ausweg bieten, die ihn anspornen, in Würde, Gerechtigkeit und Freude zu leben. (...) Beim Fußball der Linken spielen wir nicht einzig und allein, um zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen.“
Das ist so schön idealistisch formuliert, sagt der Erwachsene in mir, dass es der Papst auch nicht besser gekonnt hätte. Allein, zu einem Bekenntnis à la Menotti fehlt mir heute doch der wahre Glaube. Vor Kurzem habe ich in der Zeitung gelesen, dass der deutsche Mittelfeldspieler Michael Ballack 32.000 Euro verdient. Täglich bitte. Für Ballacks Jahreseinkommen müsste jemand mit dem österreichischen Durchschnittsbruttoeinkommen 473 Jahre lang arbeiten. Das ist die andere Seite (und hier spricht mein Kopf): Beim Fußball heute geht es vor allem um Geld. Dann kommt lange nichts. Oligarchen kaufen ganze Klubs, reiche Magnaten, die gern einmal im Rampenlicht stehen wollen, blähen Dorfklubs zu Bundesligavereinen auf, um ein paar Jahre später die Lust an der Sache zu verlieren, und verkaufen die Lizenz an den Bestbietenden. Und in den Stadien: Allerorten VIP-Räume, VIP-Klubs, VIP-Parkplätze. Geld und Macht schreit nach sozialer Abgrenzung. Und der Fan: erwünscht als Stimmungsmacher und als Zaungast bei der EM: Karten sind in der Lotterie zu gewinnen. Oder, wie die Bibel sagt: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein normaler Fan ins Stadion kommt.
Abpfiff jetzt, das Spiel ist aus. Herz gegen Hirn: Endet, sagen wir, unentschieden. Sagen wir so. Nach dem Spiel ist sowieso vor dem Spiel. Irgendwo ist immer ein Platz, wo es allein darum geht, dass der Ball ins Tor muss.







Kommentar von Matthäus Fellinger


Der zwölfte Mann im Spiel
Durch dick und dünn. Auf Gedeih und Verderb. In guten wie in bösen Tagen. Die Formeln klingen nach Schicksal. Ein Stück Ausgeliefertsein und Endgültigkeit schwingt mit. Wer will das schon? Und noch etwas: Treue – und was man davon hält. Es ist schwer, sich auf Treue einzulassen. Es ist noch schwerer, mit Untreue zurechtzukommen.

Der echte Fußballfan wechselt nicht einfach die Mannschaft, je nach Erfolg. Das Herz würde bei einem solchen Transfer nicht mitspielen, würde den Wechsel als Verrat empfinden.

Es ist Palmsonntag – eines der Hauptfeste der christlichen Fangemeinde. Aber Vorsicht! Beim Einzug Jesu nach Jerusalem muss er sich vorgekommen sein wie ein Sportler, der im Triumph die Fan-Meile durchläuft. Wenige Tage später wird das Volk den Weg desselben Jesus zum Kreuz säumen. Sie haben ihn nicht verteidigt. Sie sind nicht für ihn eingetreten. Die Fans haben ausgelassen.
Sie waren nicht Anhänger aus Leidenschaft, sondern nur aus Berechnung: Dieser Mann würde uns Erfolg bringen. In seiner Nähe konnten sie sich selbst größer wähnen. Am Wundertäter, an dem, der den Mächtigen die Stirne bietet, waren sie interessiert, nicht am kläglichen Verlierer, dem Angeklagten, Verurteilten.
Als es anders kam mit Jesus, als es riskant wurde, sich als zu ihm gehörig zu deklarieren, haben sie sich in die Winkel verkrochen.
Der „zwölfte Mann“ – Judas – hat sich mit einem verräterischen Kuss verabschiedet. Andere haben sich heimlich aus dem Staub gemacht.

Fußballfans, sagt man, sind der zwölfte Mann am Feld. Mit ihrem Beifall können sie stärken. Ihre Buh-Rufe können das Ende besiegeln. Christen sind so etwas wie der zwölfte Mann am Feld.

Matthäus Fellinger


Training mit Dr. Renate Priglinger


Kreuzschritte

Mit dieser Übung fördern Sie die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten:

Gehen Sie seitwärts nach rechts, jedoch kreuzen Sie mit dem linken Bein abwechselnd vor und hinter dem rechten Bein. Die Arme schwingen locker mit und kreuzen gegengleich. Kreuzt das Bein vorne, kreuzen die Arme hinten und umgekehrt.
Nach zehn Schritten wird die Richtung gewechselt. Sie gehen nach links seitwärts und kreuzen mit dem rechten Bein vor und hinter dem Körper. Die Arme schwingen locker mit. Machen Sie das Ganze fünf Minuten lang.




Mentaltraining


Der Beitrag in dieser Ausgabe handelt von der Rolle der Fußballfans. Im Beifall steckt Kraft!

- Gehen Sie in dieser Woche jeden Abend in Gedanken durch, wem Sie heute für etwas dankbar sein durften oder wer Ihnen Freude bereitet hat.
- Überlegen Sie auch, wann und wie Sie dafür tatsächlich danken werden.









Nächste Folge: Für Staatligaspielerin Gabriele Eibensteiner gibt es mehr als nur Fußball.





mit Trainer Giovanni Trappatoni




mit Christine Taschl




mit Gabriele Eibensteiner



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