Ausgabe: 2008/12, Botschafskeule, Film, Vorauer, Schule, Highschool
19.03.2008
- Markus Vorauer
Die Neuverfilmung von „Die Welle“ transportiert zwar die richtigen Botschaften. Das Fehlen jeglicher Zwischentöne und Differenzierungen hinterlässt aber einen unbefriedigenden Eindruck. Der Plot aus Dennis Gansels „Die Welle“, der nach den Originalprotokollen des Lehrers Ron Jones gedreht wurde, ist in Pädagogen- und Schülerkreisen vor allem durch die Bearbeitung von Morton Rhue bekannt geworden. Ron Jones führte 1967 mit Schülern an einer Highschool im kalifornischen Palo Alto jenes (gescheiterte) Experiment durch, das die aktuelle filmische Bearbeitung noch etwas verschärft präsentiert.
Film im Eilzugstempo. Der Film setzt mit einer Autofahrt ein. Der Lehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) ist auf dem Weg zur Schule. Das aus dem Autoradio dröhnende „Rock’n’Roll High School der Rockgruppe“ Ramones charakterisiert auf brachiale Art und Weise den Fahrer („Well I don’t care about history. I hate the teachers and the principal. Fun, fun, rock’n’roll high school.“). In dieser Tonart geht es weiter. Im Eilzugstempo wird der Zuschauer in die Geschichte geworfen. Eine Projektwoche in einem Gymnasium steht an. Wenger, der Politik und Sport unterrichtet, bekommt gegen seinen Willen das Projektthema „Autokratie“ verordnet, während sein Wunschthema „Anarchie“ von einem konservativen Kollegen übernommen wird. Spontan verändert Wenger seinen Lehrauftrag eigenmächtig in ein Autokratie-Erfahrungsprojekt. Er weiht dabei allerdings die Schüler, die ihm bereitwillig folgen, nicht in seine wahren Pläne ein. Der Lehrer verlangt von der Klasse Unterordnung und konformes Verhalten. Im Verlauf der Woche entwickelt das Projekt „Welle“ nach und nach eine Eigendynamik mit einer Sogwirkung, die alle Beteiligten mitreißt. Wenger gelingt, zynisch formuliert, ein pädagogisches Meisterstück (alle gehorchen!), das zum Alptraum wird, weil er nichts mehr wirklich unter Kontrolle hat.
Sehr vereinfachend. Gansels Film beginnt wie ein klassischer Highschool-Film, dessen Personal allseits bekannt ist: auf der einen Seite der legere Lehrer, in Opposition dazu der angepasste Kollege. Unterschiedliche Schülertypen werden ohne große psychologische Vertiefung zu tragenden Figuren; der ehrgeizige, aber erfolglose Sportler, der Außenseiter, dem die Anerkennung fehlt, der sich total anpassende Ausländer, das Mauerblümchen, das im Schatten einer nonkonformen Widerstandskämpferin steht, die willenlosen Befehlsempfänger. Die Parallelen zur nationalsozialistischen Überzeugungspropaganda werden mit aktuellen Bezügen (Konsumkritik!) aufgefüllt. In einem Genre-Mix aus Highschool-Film, Videoclip und sozialpolitischem Drama versucht der Film einen Rundumschlag, der in stark simplifizierender Form das Thema der blinden Autoritätsgläubigkeit dem Zuschauer so eintrichtert, dass dieser jegliche reflexive Distanz verliert. Auch wenn Gansel dies mit seiner die Sinne überwältigenden Bild- und Tonästhetik bewusst erreichen wollte, hinterlässt die formale Gestaltung einen schalen Nachgeschmack, die Botschaftskeule erschlägt einen förmlich.
Anlass zur Diskussion. Gerechterweise sei jedoch darauf verwiesen, dass sich für Jugendliche, die mit dem Themenkomplex noch nie konfrontiert waren, der Film wegen seiner richtigen Botschaft als Diskussionsanlass eignet. Jene, die differenzierte Perspektiven bevorzugen, müssen jedoch gewarnt werden.