Ausgabe: 2008/12, Paukenschlag, Veränderung, Beziehung, Karin Remsing, Gespräche, Vater, autoritärer Vater
19.03.2008
- Karin Remsing, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin
Aus der Praxis: „Ich habe vor zwei Monaten einen großen Blödsinn gemacht – ich habe versucht, mir durch Ritzen am Handgelenk das Leben zu nehmen“, erzählt Hanna. „Ich habe mich aber nicht sehr tief geschnitten und rasch telefonisch meinen Mann zu Hilfe gerufen. Nun ist die Hautwunde wieder zugeheilt, Josef, mein Mann, ist aber sehr verunsichert. Am liebsten würde er mich Tag und Nacht ,bewachen‘, damit ich so etwas nicht noch einmal mache.“ Josef, der beim Gespräch dabei ist, sagt: „Ich dachte, Hanna geht es gut. Sieerzählte mir nie, dass sie Sorgen hat.“
In den Gesprächen stellte sich heraus, dass Hanna in ihrer Kindheit viel Schlimmes erleben musste. Ihr Vater war gewalttätig und der absolute Boss in der Familie. Er duldete keinen Widerspruch. Ihre Mutter sah keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren oder sich selbst und Hanna zu schützen.
Hanna litt mit ihrer Mutter und schwieg wie sie. Der ganze Kummer ihrer Kindheit undJugend sammelte sich in ihr an. Ihr war nicht bewusst, wie sehr sie diese Erlebnisse belasteten.
Retter. Josef ist ihr ein liebevoller und umsichtiger Partner. „Er hat mich, als wir geheiratet haben, wie ein junger Held aus meiner Familie ,gerettet‘“, sagt Hanna „und er hat mir endlich ein Familienleben ohne Angst geschenkt.“
Erleichterung. Josefs Sorge, Hanna könnte sich wieder etwas antun, ist sehr verständlich. Für ihn kam die Aktion von Hanna wie aus heiterem Himmel. Hanna erzählt, dass sie so etwas wie Erleichterung spürte, als sie blutete. Mit den Ärzten im Krankenhaus und in der Eheberatung sprach sie zum ersten Mal über die Erlebnisse ihrer Kindheit, über ihre Angst, die sie um ihre Mutter hatte, und darüber, wie viele Entbehrungen sie erlitten hatte. „Endlich kann dies alles in Gesprächen aus mir ,herausfließen‘“.
Das Leben nehmen. Man kann Hannas Versuch, „sich das Leben zu nehmen“, sogar als Beginn zu etwas Neuem sehen: Zu einem Leben, in dem alle ihre Gefühle Platz haben, sie darüber reden kann und darf und ernst genommen wird. „Noch nie habe ich mich so befreit gefühlt“, sagt Hanna.
Gleichwertig begegnen. Heute kann Hanna ihrem Mann dafür danken, dass er immer zu ihr gestanden ist und ihr ein guter Mann war und ist. Sie spürt aber, dass er immer noch in der Beschützerrolle ist und sie oft wie ein Kind behandelt. Sie müssen beide lernen, sich gleichwertig wie Mann und Frau zu begegnen.Für Hanna ist es wichtig, dass sie immer mehr die erwachsene Frau in sich entdeckt und lebt. Josef wird, wenn er Hanna als gleichwertige und erwachsene Partnerin annehmen kann, ihr immer mehr vertrauen und seine einseitige Beschützerrolle ablegen können.