Prof. Christoph Niemand über die Auferstehung Jesu: Sie ist menschenwürdiger als der Zynismus der Macht, kostbarer als das Kleingeld des Erfolgsund vernünftiger als die Totalität des Todes.
Wenn es um historische Details des Lebens Jesu geht, wie zum Beispiel medizinische Erkenntnisse rund um seinen Kreuzestod, sind Rekordeinschaltquoten garantiert. Wird seine Heilsbedeutung angesprochen, nimmt das Interesse ab. Warum diese Kluft? Christoph Niemand: Sensationsmeldungen und Verschwörungstheorien, auch wenn sie sich als abstrus herausstellen, haben in einer „Kultur der Aufgeregtheit“ eben Konjunktur und ein sicheres Publikum. Vielleicht sollte man es aber so sehen: Auch unter den Bedingungen unserer Zeit ist die Gestalt Jesu zumindest interessant. Wenn sich allerdings Menschen von ihm wirklich berühren, bewegen und prägen lassen, ist das eine anspruchsvolle Sache. Nachhaltiges taugt nicht für schnelle Schlagzeilen. Das war aber wohl nie wirklich anders.
Dass die Jünger den gekreuzigten Jesus als Auferstandenen verkündigen, ist nicht selbstverständlich. Wie kommt es zu diesem unerhörten Neuanfang? Kein Evangelium des Neuen Testaments hält die Auferweckungstat Gottes am getöteten Jesus auch nur ansatzweise für erzähl- oder vorstellbar. Die Frage: „Wie ging es bei der Auferstehung Jesu zu?“, ist also theologisch nicht stellbar. Als historische Frage würde sie sowieso keinen Sinn machen. Stellbar ist aber die Frage: Wie kam es zum Osterglauben des Petrus und der Maria von Magdala? Wie kamen sie dazu, zu behaupten, dass Gott Jesus aus den Toten erweckt habe? Ihre Antwort: Er hat sich uns als Lebender gezeigt, er ist uns begegnet und hat uns die Augen geöffnet. Er hat uns angerührt und wir haben ihn berührt. – Man hat versucht, diese „Visionserlebnisse“ psychologisch zu erklären: Eine verstörende Verlusterfahrung findet hier zu einer neuen inneren Schau dessen, der „lebt und bleibt“. Und man hat diese Form der Trauerarbeit, je nach Position, pathologisch oder produktiv genannt. Christen und Christinnen werden sich aber nicht ausreden lassen: Jesus lebt – und das ist nicht bloß Wunschtraum oder Realitätsverweigerung, das ist eine Wirklichkeit: menschenwürdiger als der Zynismus der Macht, kostbarer als das Kleingeld des Erfolgs, vernünftiger als die Totalität des Todes. Jesus lebt – das ist Wort und Tat Gottes.
Hat Jesus seinen Jüngern während seines Lebens schon „Verstehenshilfen” für die Auferstehung gegeben? Ja. Jesus hatte sie eingeladen, umzukehren, das heißt anders zu denken, anders zu leben und Gott alles – im tiefsten und besten Sinn des Wortes – zuzutrauen. Und die Jünger und Jüngerinnen hatten angefangen – wie vorläufig und gebrochen auch immer – mit Jesus, bei Jesus und wie Jesus an Gott zu glauben. Auf dem Gottesbild, das sie bei Jesus „lernten“, konnte ihr Osterglaube wachsen!. Ich denke, das gilt auch für heute.
Welche Bedeutung hat das leere Grab in der Verkündigung der Auferstehung? Beim Grab Jesu kommen die Frauen nicht zum Osterglauben. Ein geleertes Grab kann alles Mögliche bedeuten. Sie werden von dort weggeschickt: Sucht den Lebenden nicht bei den Toten! Dieser Verweis sollte uns heute vielleicht davor bewahren, von historischen und archäologischen Überlegungen zu Grab und Leichnam Jesu allzu viel zu erwarten oder davon zu „befürchten“. Aber diese Erzählungen sind in sich ungeheuer stark: Jesu Grab, wo alles aus und zu ist, wo man einer Hoffnung nur noch nachtrauert: Sein Grab ist offen und leer. Die gekommen waren, um ihn zu beweinen, laufen weg und werden ihm unterwegs begegnen. Dass Jesu Grab „offen und leer“ ist, kann übrigens auch für Menschen bedeutsam sein, die nicht an seine Auferweckung glauben: Um diesen Hingerichteten, Vergrabenen und Eingemauerten kommt die Welt schlichtweg nicht mehr herum: Seine Worte lassen sich nicht mehr wegsperren. Sein Leben lässt sich nicht mehr ungeschehen machen! Die Welt zeigt Wirkung.
Wie hängt die Auferstehung Jesu mit „unserer“ Auferstehung, der Auferstehung der Menschen, zusammen? Paulus bezeichnet im ersten Korintherbrief den auferweckten Jesus als den Ersten der Entschlafenen (1 Kor 15,20). Christen können es nicht auseinanderdividieren: Sie haben an der Hand dieses Jesus begonnen, dem lebendigen und treuen Gott zu trauen. Und sie sagen einander zu: Wenn gilt, was wir glauben – der getötete Jesus ist auferstanden –, dann gilt ebenso: Gott wird auch uns führen, wenn wir tot sind. Durch und mit und zu Jesus (vgl. 1 Thess 4,14). Die Johannesoffenbarung wird deshalb die wahrlich kühne Gratulation wagen: „Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an.“ (Offb 14,13).
Was kann Menschen helfen, an die Auferstehung zu glauben? Freude am Leben haben. Die Welt realistisch sehen. Für Gerechtigkeit und Versöhnung eintreten. Sich von der Not von Menschen berühren lassen. Es nicht ertragen können, dass Kindern Gewalt angetan wird. Dem Erklärungsmonopol von Waffen und Kapital widersprechen ... Alles das und noch vieles mehr würde ich unter den alten theologischen Begriff „praeparatio evangelica“, das heißt „Hinführung zum Evangelium“, stellen. Und dann, wie vorher gesagt: Sich irgendwie in Wort und Leben Jesu verstricken. Erste Erfahrungen mit den Zumutungen der Bergpredigt machen. Vielleicht wird dann ja der, den Jesus als seinen Gott und Vater bezeichnete, auch unser Vater. Und vielleicht kommt es dann dazu, dass „wir an den glauben, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat“, wie es im Römerbrief heißt (Röm 4,24).
Zur Person
Christoph Niemand
Univ.Prof. Dr. Christoph Niemand (geboren 1959 in Linz), wohnhaft in Kremsmünster und Linz. Seit 1995 lehrt er Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholisch Theologischen Privatuniversität Linz. Sein derzeitiger Arbeitsschwerpunkt bildet die Jesus-Forschung, insbesondere die Traditionen vom Lebensende Jesu. Im Vorjahr hat er die Studie „Jesus und sein Weg zum Kreuz. Ein historisch-rekonstruktives und theologisches Modellbild“ (Kohlhammer Verlag) veröffentlicht.