Die Welt in ständigem Wandel: Job, Beziehung, Wohnort. Was macht das mit Menschen? – Der Film „Yella“ wirkt wie eine Bestandsaufnahme der modernen Arbeitswelt. Dem Regisseur Christian Petzold ist ein filmisches Meisterwerk gelungen.
In seinem bemerkenswerten Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ hat der Soziologe Richard Sennett 2005 die drei großen Herausforderungen beschrieben, die ein Mensch unter den instabilen sozialen Bedingungen des Neoliberalismus zu meistern hat: Zum Ersten muss er mit kurzfristigen Beziehungen und mit sich selbst zu Rande kommen, während er von einer Aufgabe zur anderen, von einem Job zum nächsten, von einem Ort zum anderen wandert. Weiters sollte er permanent neue Fertigkeiten entwickeln und drittens Gewohnheiten aufgeben und sich von der Vergangenheit lösen können. Es scheint, als hätte der deutsche Filmregisseur Christian Petzold Sennetts Buch genau studiert, denn sein neuer Film „Yella“ wirkt wie eine kinematographische Umsetzung der oben vorgebrachten Thesen.
Einfach weg. Yella (Nina Hoss) möchte weg aus Wittenberge, einer dahindämmernden Kleinstadt im Osten Deutschlands. Die Firma ihres Mannes Ben (Hinnerk Schönemann), in der sie bisher als Buchhalterin gearbeitet hat, steht vor dem Konkurs. Da auch ihre Ehe gescheitert ist, hält sie nichts mehr in diesem trostlosen Ort. Sie will in den Westen, der für Arbeit und Zukunft steht. Eine letzte Begegnung mit Ben, der sie zum Bahnhof bringt. Doch die Fahrt dorthin endet mit einem Unfall. Das Auto stürzt von der Elbbrücke in den Fluss. Yella kann sich ans Ufer retten und erreicht gerade noch den Zug nach Hannover. Doch da sind wir eigentlich schon in einem anderen Film, der auch „Ein Ereignis an der Elbbrücke“, in Anlehnung an die epochale Kurzgeschichte „Ein Ereignis an der Eulenflussbrücke“ von Ambrose Bierce, heißen könnte. Hat Yella wirklich überlebt, oder ist das, was folgt, die Traumerzählung von der Idylle im Westen, wie sie sich Yella ausmalt? Der schreibende Filmkritiker darf hier nicht mehr verraten.
Nirgendwo beheimatet. Yella begegnet schließlich in einem Hotel Philipp (Devid Striesow), der für eine private Finanz-Firma auf Reisen ist und ihr das Angebot unterbreitet, ihn als Assistentin zu begleiten, ohne Vertrag, bar ausbezahlt am Ende des Arbeitstages. Eine neue Welt eröffnet sich für sie: die Kultur des neuen Kapitalismus, der gläsernen, kabellos vernetzten Konferenzräume, der sich fast lautlos bewegenden Leasing-Limousinen, Orte, an denen niemand wirklich beheimatet sein kann. „Ich bin flüssig, ich bin nicht fest. Ich bin da, wo die Börsen und die Schiffe und die Container sind, und nicht dort, wo man unter der Linde steht und Abendlieder singt“, sagt Philipp einmal zu Yella.
Vergangenheit bleibt da. Obwohl sich zwischen Yella und Philipp nach und nach – Petzold inszeniert unaufdringlich, so ganz nebenbei, auch eine der schönsten Leinwand-Liebesgeschichten der letzten Jahre – eine über das Geschäftliche hinausgehende Beziehung anbahnt, liegt etwas Befremdliches über den Bildern, weil Yella immer wieder von Stimmen und Geräuschen aus der überlebten Vergangenheit eingeholt wird, so als könnte sie sich nicht wirklich von der alten verhassten Welt trennen.