Wer sich dazu entschließt, einen pflegebedürftigen Menschen zu betreuen, sollte sich über eigene Bedürfnisse klar sein. „Drüberwurschteln“ macht die Situation belastend.
Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Österreich werden zu Hause betreut, zumeist von Familienangehörigen: Behinderte Kinder von Müttern, alte Pflegebedürftige von den Partner/innen, die selbst schon alt sind, oder von Kindern und Schwiegerkindern, die kurz vor der Pensionierung stehen.
Einspringen im Krisenfall. Für viele ist es selbstverständlich, für Angehörige, die in Not sind, einzuspringen. „Aber zwischen Einspringen und Dauerzustand ist ein Unterschied“, betont Margit Scholta. Aus einem Krisenfall, der ein paar Wochen oder „vorübergehend“ sein soll, wird schnell ein Kompromiss, der nicht geklärt wird.
Reden erleichtert. Und ein solcher Krisenfall kann leicht passieren. Nach einem leichten Schlaganfall etwa. Niemand möchte lange im Krankenhaus bleiben. Ob jung oder alt – Menschen möchten nach Hause. „Angehörige, die gerade nicht vor Ort sind, sind meist aus dem Schneider“, formuliert Margit Scholta unverblümt. „In Zeiten, in denen das noch kein Stress ist, zu überlegen: ,Was wäre, wenn?‘, das ist ein höchst undankbares Thema.“ meint Scholta, und sie spricht dabei aus eigener Erfahrung. Sie hat mit ihrer 85-jährigen Mutter beraten, wie das sein würde, wenn diese das Stiegenhaus nicht mehr bewältigen kann. „Wir haben festgestellt, dass das für beide erleichternd war, über das Thema nachzudenken“, erzählt Scholta. „Meine Mutter hat selbst gesehen, dass sie mit 85 gut beinander ist im Vergleich zu anderen – wenn die noch am Leben sind.“ Nicht über die Situation zu reden kann auch zu unrealistischen Hoffnungen führen. „Und das ist für die weitere Beziehung schlechter, als über mögliche Situationen zu reden“, weiß Margit Scholta.
Pflegende. Ein „klassisches Muster“ bei der Übernahme von Betreuung ist: Wenn ein Kind Krankenschwester ist oder einen anderen Pflegeberuf hat, ist es die erste Adresse. Es kommt auch vor, dass ein Kind, das keine besondere Beziehung zu den Eltern hatte, die Pflege übernimmt, weil es von den Eltern noch etwas bekommen möchte – „Ich betreue dich, darum möchte ich jetzt deine Anerkennung.“ Das ist oft aber nicht mehr möglich, wenn zum Beispiel die Mutter oder der Vater dement ist.
Entlastung suchen. Wer die Betreuung eines Angehörigen übernimmt, sollte sich klar überlegen, warum er das tun möchte, wie viel Zeit er oder sie dafür hat und wie das soziale Umfeld aussieht. Eine wichtige Überlegung ist für Margit Scholta: „Was gibt es, damit ich mir die Betreuung, die Begleitung, so einfach wie möglich machen kann?“ Sie denkt dabei an mobile Dienste, Förderungen oder Tageseinrichtungen. Wer 24 Stunden am Tag für jemand anderen da ist, sollte diese Einrichtungen nutzen, auch wenn das der zu Pflegende erst nicht annehmen will. Mobile Dienste sind dabei nicht nur unmittelbar eine Entlastung, die Pflegerinnen wissen meist auch, welche weiteren Angebote zur Erleichterung es gibt. Pflegende sollen sich außerdem überlegen: „Was sind für mich unabdingbare Zeiten und Dinge, die ich brauche und ohne die ich zugrunde gehe?“ Oft funktioniert zum Beispiel eine Vertretung innerhalb der Familie, wenn die Hauptpflegeperson sagt, sie möchte auf Urlaub fahren.
Klarheit schaffen. Das Wichtigste ist für Margit Scholta, vorher Klarheit zu haben. „Es wird schwer, aber ich mach das“, ist besser als zu denken: „Was bleibt mir anderes übrig?“ Denn, so Scholta: „Das ist nicht die Basis, gesund zu pflegen – nämlich auch für sich.“
- Mag. Dr. Margit Scholta ist Vorsitzende von Pro Senectute Österreich (www.prosenectute.at).
- Ein erste Informationen erhält man bei der Servicestelle für pflegende Angehörige, 4020 Linz, Hafnerstraße 28, Tel. 0732/7610-2440